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Tja, da war's passiert ... jetzt weiß ich, warum ich mich von Blogs Jahre lang mehr oder minder ferngehalten hatte - die Angst vor der Technik ;)

Am 15.8.2009, pünktlich zu Mariä Himmelfahrt, Napoleons 240. Geburtstag, dem 62. Jubiläum der Unabhängigkeit Indiens und Madonna's (also der Maria Italiens sozusagen) erstem Konzert in Polen, ging dieser Blog ins Word Wide Web. Dann sah ich Usain Bolt am 16.8.2009 rennen und wollte gleich noch einen Sport-Blog aufmachen, um offenbar alles "Geblogge" nachzuholen, was ich jahrelang nicht getan hatte. Nachdem ich einen weniger schmucken Namen für den Sport-Blog gewählt hatte, wollte ich diesen löschen und neu anlegen ... und erwischte den Piraten-Blog.

Naja, da ist er nun wieder ... genauso wie der Sportsfreund-Micha-Blog.

Und für den Fall, dass jemanden diese Frage durch den Kopf gehen sollte ... ich bin kein Mitglied der Piratenpartei, verstehe mich jedoch als "Pirat im Herzen" - wie im Titelbild des Blogs vielleicht unschwer zu erkennen ist ;)

Alles in allem wünsche ich viel(e) Freu(n)de beim Stöbern durch die Artikel.

 

Eins muss man Thilo Sarrazin ja lassen. Er hat eine Nase für Fettnäpfchen und Wespennester. Zudem lässt er nahezu keins aus, weder Fettnäpfchen noch Wespennester. Noch dazu bringt er mitunter das Kunststück fertig, beides auf einmal zu machen; in – meist große oder riesengroße – Fettnäpfchen treten und dabei in irgendein – kaum kleineres – Wespennest langen.. Schon dafür hat er meinen Respekt, da kann er fast sagen, was er will.

 

Das Querdenker-Gen

Sarrazins Problem ist das Querdenker-Gen. Das gibt es natürlich nicht, doch jeder weiß, wie es sich auswirkt. Sarrazin ist sperrig, so sperrig, dass er Dinge – stark verkürzt und vereinfacht – auf den Punkt bringen kann. Und natürlich können bei Verallgemeinerungen nur Klischees und – wenn’s politisch oder religiös wird – Vorurteile oder Ressentiments herauskommen. Der Satz „Alles wird gut.“ verallgemeinert ebenso in höchstem Maße, regt Millionen Menschen auf und hat dennoch etwas Wahres. Und dieses „etwas Wahres“ spricht Menschen an. Genau wie im Fall Sarrazin.

Doch Thilo Sarrazin ist kein Meckerer und lässt ein Problem einfach ein Problem sein, über welches er jahrelang immer wieder in der selben Art und Weise schimpft, sondern macht es sich scheinbar zur Lebensaufgabe, dieses „Querdenker-Gen“ bis zum Äußersten auszureizen. Er ist ein Grenzgänger und freilich gerät er als solcher mit den Grenzwächtern in Konflikt. Wenn er dies nicht tun würde, wäre er eigentlich kein Grenzgänger. Selbst solche, die immer nur freundlich an der Grenze entlang laufen oder 100 Meter vorher stehen bleiben, „um nur mal zu gucken“, machen sich verdächtig. Also lässt man es lieber gleich. Augen zu, Ohren zu ist einfacher ... den Mund zu halten gelingt nicht immer.

Sarrazin ist das wahrscheinlich schon immer zu langweilig gewesen. Dafür hat er auch nicht studiert und jahrelang in diversen Gremien mitgearbeitet. Er geht lieber zum Grenzposten und macht ’nen Spruch oder wenn er sich mal verlaufen hat, geht er über die unbewachte Grenze, die er – als Freigeist – per se als „grüne Grenze“ betrachtet. Die Grenzwächter sehen das natürlich anders und das ist dann wirklich ein Problem für Sarrazin. Wenn er sich dann erklären will, warum er über diese Grenze gehen wollte oder schon gegangen ist, versucht er das wissenschaftlich und korrekt zu erklären. Ein einfaches und naiv-wirkendes „wollte nur mal gucken“ oder „hatte mich wohl verlaufen“ fällt ihm meist nicht sofort ein. Vielleicht glaubt er auch, dass sich so etwas in seiner Position nicht ziemt oder gut macht oder er es sich nicht einfach machen möchte oder oder oder  ...

Menschen mit dem „Querdenker-Gen“ zeichnen sich vor allen Dingen dadurch aus, dass sie verhältnismäßig selten sind. Prinzipiell hat es jeder, doch wurde es kulturell-individuell abtrainiert, abgeschliffen, „vermasst“ ... Sarrazin hat seins erhalten und pflegt es. Wäre er nicht in diversen höheren Positionen gelandet, würde er wahrscheinlich einer sein, über den die Kollegen sich ständig – ohne sein Beisein – unterhalten, einer der „irgendwie ein bisschen schräg“ ist. Oder er wäre ein gefeierter Künstler, der sein Querdenken als etwas Besonderes vermarkten könnte.

Doch Sarrazin ist in der Politik, und da herrscht – rein von der Sprache her – „political correctness“. Querdenken und „political correctness“ schließen einander fast aus. Wer beides verbinden kann, kann sich glücklich schätzen. Zudem erscheinen solche Personen wohl nur einmal in 200 Jahren auf der geschichtlichen Bildfläche.

 

Sarrazin, der intelligente und naive Honigsucher

Ein bisschen naiv ist Sarrazin dann doch, im Sinne von unwissend. Er kann auch gar nicht anders, denn ein gewisser Teil der Naivität ist eng verknüpft mit der Neugier, seiner Unwissenheit Abhilfe zu schaffen. Sarrazin ist da fast schon kindlich, nicht kindisch (!), veranlagt und stolpert sich so durchs Leben. Dabei ist er allerdings ein hoch ausgebildeter und erfahrener Mensch, von dem man halt offenbar anderes erwartet. Meist kommen solche Erwartungen genau von jenen, die sich die kindliche Neugier bereits abgewöhnt haben und einfach mitlaufen; die „politische Kaste“ ist voll von Mitläufern. Somit kehrt sich im Fall Sarrazin der Musketier-Spruch quasi um und wird zu „Alle gegen einen und einer gegen alle“.

Seit einigen Jahren geht nun Thilo Sarrazin recht intensiv und dennoch naiv an die Bearbeitung des Problems der so genannten „Zuwanderung“ und deren Folgen heran. Mit der Geschichte um das Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist es wohl ungefähr so, wie wenn Klein-Thilo auf der Suche nach Honig gewesen wäre, dabei nach Bienennestern suchte und dann – in der Annahme eins gefunden zu haben – kräftig dort hineinlangte. Als er bemerkt, dass es ein Wespen- und kein Bienennest war, rennt er erst einmal ein Stückchen, schmeißt dabei mehrere mehr oder minder wertvolle Gegenstände herunter und sieht sich plötzlich zwei Lagern gegenüber. Den böse dreinschauenden Grenzwächtern und jenen, die auch gern Honig wollen und die entweder perplex sind oder ihm schon mal für seinen Mut applaudieren.

Dummerweise befand sich nämlich Thilos Honigsuchgebiet im Grenzgebiet, da wo kaum einer zu suchen wagt; einfach zu gefährlich. Alle wissen, dass es dort Honig geben könnte, doch die allerwenigsten haben Zeit, Lust, Ausrüstung oder die geistigen Fähigkeiten, sich auf die Suche zu machen. Und dann macht es irgendwann mal einer – auf eine recht unkonventionelle Art. Urplötzlich herrscht Aufruhr und Chaos.

Doch eigentlich ist es viel Lärm um nichts oder zumindest um recht wenig. Es ist keiner gestorben, nur ein paar Stiche hier und dort sowie ein paar Dinge, die zu Bruch gegangen sind. Die Schadensprüfer sind bereits am Werk, denn sie sind immer irgendwie die schnellsten – und behindern teilweise die gerade eingetroffenen Ärzte und Sanitäter.

Einerseits schimpfen nun die – selbst ernannten – Grenzzieher, dass man das einfach nicht macht, dass diese Grenze nicht überschritten werden darf. Andererseits empfinden wahrscheinlich Millionen, dass dem Thilo Anerkennung gebührt. Den Grenzziehern geht es scheinbar eher darum, dass keiner nochmals auf die Idee kommt, im Grenzbereich nach Honig zu suchen, denn sie haben selbst genug Honig oder lassen ihn sich von anderen besorgen. Vielleicht ist es jedoch auch nur versteckter Neid, dass sie nicht selbst mal so unkonventionell wie Thilo Sarrazin einfach losgegangen sind. Während sich der Thilo zum Pop-Star mausert, wahrscheinlich auch noch ohne seinen Willen, bleibt ihnen nur die Einsicht, dass irgendetwas nicht mehr so ist wie früher.

Der „breiten Masse“ geht’s wahrscheinlich gar nicht mal so sehr um den Honig – man kann auch mal ohne ihn leben, sondern einfach darum, dass mal jemand ohne alle Regeln, Vorschriften und guten Sitten einzuhalten – sozusagen  „jenseits von Gut und Böse“ –, einfach etwas tut. Selbst wenn es „nur“ ein Buch zu schreiben ist, wie im Fall Sarrazin.

 

Ist Sarrazin ein moderner Eulenspiegel? 

Sarrazin ist da scheinbar nicht nur irgendwie in ein Real-Remake der Musketierfilme geraten, sondern spielt den Eulenspiegel gleich noch mit. Entweder spielt er mehrere Filme parallel oder ist ständig im Rollenwechsel. Er hält nahezu allen den Spiegel vor’s Gesicht. Nur bemerken das die allermeisten nicht, sonst wären sie wohl etwas leiser. Ganz gleich, ob Medien oder Politik, ob Bundesbank oder diverse andere institutionellen Vereinigungen, der Sarrazin ist ein rotes Tuch und man weiß noch nicht, ob man selbst Stier oder Torero ist.

Am besten kann man den Fall Sarrazin wohl aus der Sicht eines Komikers verstehen, denn was Deutschland in der Woche um den Weltfriedenstag (es war der 1. September, so zur Auffrischung) erlebt hat, hat etwas Tragikkomisches. Und wer könnte es besser auf den Punkt bringen als ein türkisch-stämmiger Komiker (gern auch „Comedian“)? Der „Tiger vom Kreuzberg“, Cemal Atakan, nennt Sarrazin in einem Welt-Online-Artikel den „Süper-Türken der Woche“ und meint:

„Man kann über alles spreschen, aber wenn man spreschen will, muss einer ers mal Meinung haben, weissu! Wenn du keine Meinung hast, und isch hab keine Meinung, dann sitzen wir da und sagen nichts und nichts passiert! Darum, weil er hat Schnurrbart wie Türke und Dasak [„Eier“ = Mumm, Mut, Anm. M.W.] wie Türke, er is Süper Türke der Woche! Und Herr Sarrazin, wenn du hast Zeit und Lust, lass mal treffen meffen, weil du bist Deutschexperte und isch bin Türkei-Experte, und zusammen wir haben bestimmt gute Idee, was kann man besser machen! Hadi Schüs ya!”[1]

 

Die Sache mit den Genen

Achja, die Sache mit dem Gen … da hat sich Thilo Sarrazin in der Tat ein Ei gelegt. Doch er hat „Dasak“ genug, um es kurz hinterher als „Unfug“[2] zu bezeichnen. Ausgang des landesweiten Aufschreis war eine einzige Frage von zwei Journalisten der WELT in einem Interview Ende August 2010[3] – mit gerade mal sechs Worten „Gibt es auch eine genetische Identität?“ Sarrazin hatte daraufhin geantwortet: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.“

Den Nebensatz hatte Sarrazin wohl im Nachhinein noch angefügt, als er das Interview zur Autorisierung vorliegen hatte. Es ist davon auszugehen, dass er sich im eigentlichen Gespräch – in einem Kebab-Restaurant in Berlin-Kreuzberg – nicht vollkommen bewusst war, dass er hier nicht nur zu zwei Journalisten, sondern zu Millionen Menschen sprechen würde. Manche Worte überlegt man sich erst im Nachhinein von ihrer Tragweite her. Zudem wurde er eindeutig von den Journalisten auf die „Gen-Schiene“ gebracht. Vermutlich ergänzte er den Satz durch den Nebensatz, da er des Sprengstoffes bewusst wurde, er jedoch eine Streichung oder eine anderweitige Veränderung für nicht zulässig oder „gegen ihn verwendbar“ hielt. Dass er – als Deutscher – nun ausgerechnet „Juden“ als Beispiel wählt, kann man getrost als „Fettnapf ins Quadrat“ bezeichnen und da weiß wohl auch nur Gott oder Allah oder wer auch immer, wie ihm diese Eingebung da über die Lippen kam. Genauso wenig wissen wir, ob der Restaurantname mit Bezug auf die iranische Trägerrakete mit der selben Bezeichnung oder den Schmuckstein, Saphir, gewählt worden war. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

Was kann der ganze Rummel um Sarrazin bringen?

Inhaltlich jedenfalls sagt Sarrazin nichts wirklich Neues, zumindest nicht prinzipiell. Verkürzt lautet seine Analyse: es gibt Probleme in Deutschland und irgendwie tut sich nichts, obwohl viele etwas und manche scheinbar gar nichts tun. Oder doch andersherum?

Sei’s wie’s sei ... jedenfalls sind seine Strategien, seine Lösungsansätze, eher autoritär und staatsnah. Sie mögen gut gemeint sein, doch vermutlich würden viele Deutsche, wenn Sarrazins Vorschläge denn mal durchgesetzt werden würden, nicht mehr so viel Zustimmung entgegenbringen.

Doch wie der „Tiger vom Kreuzberg“ es bereits sagte, Sarrazin hat eine Meinung und da kann man drüber reden. Ganz entspannt und möglichst nachdem man die Emotionen vorher – bei einem Tee oder einer Shisha oder beidem – etwas runtergefahren hat.

 

Meinungsfreiheit?

All jene, die Sarrazin inhaltlich vorwerfen, sollten sich in der Tat das Grundgesetz nochmals anschauen. Meinungsfreiheit bedeutet – zumindest habe ich das immer so verstanden –, dass man alles, aber auch alles, sagen kann. Nicht das was darf beschnitten werden, sondern man könnte Sarrazin bestenfalls darauf hinweisen, wann und wo er wie etwas sagen könnte, damit er vielleicht eher das erreicht, was er zu erreichen gedenkt.

Insofern entpuppt sich die Meta-Diskussion um Sarrazins Buch, die wohl Stoff für hundert weitere Bücher liefern könnte, als interessantes Forschungsgebiet, wie diverse Protagonisten der deutschen Politik-, Medien- und Kulturbranche mit dem Wort „Freiheit“ und konkret der Meinungsfreiheit umgehen beziehungsweise in Zukunft umzugehen gedenken. Was da einige von sich preisgaben, ist mitunter mehr zum Stirnrunzeln als alles, was Sarrazin bisher irgendwann einmal von sich gegeben hat.

Im Grunde hängt vieles an unterschiedlichen Begriffsverwendungen, trotz aller gewollten wissenschaftlichen Eindeutigkeit. Geisteswissenschaften sind nun mal keine Naturwissenschaften im engen Sinne. Allein die unterschiedliche Interpretation des Wortes „Freiheit“ hat Hunderte Millionen Menschen in den vergangenen Jahrhunderten eines unnatürlichen Todes sterben lassen. Übertragen auf das Wort „Liebe“ erleben wir tagtäglich millionenfach Kleinkriege; mitunter auch mit Todesopfern.

Und Sarrazin soll über das Wort „Gen“ stolpern? In einer so genannt aufgeklärten Welt, in der jährlich mehrstellige Millionenbeträge für die Genforschung ausgegeben werden? Das verstehe, wer will und kann.

Letztlich könnte Sarrazin lediglich eine Begriffsverwechslung stolpern gelassen haben. Wenn man das Wort „Gen“ durch „Seele“ oder „Wesen“ – okay, das Wort „Wesen“ ist auch schwierig für die Deutschen, bleiben wir bei „Seele“ –, ersetzen würde, dann wäre wahrscheinlich gar nicht viel passiert. Bestenfalls wäre Sarrazin vielleicht als Mystiker bezeichnet oder verschrien worden. Doch einige der großen Deutschen, die Dichter und Denker, sprachen nahezu ständig von den Seelen.

 

Konnte Sarrazin gar nicht anders?

Sarrazins „Querdenker-Gen“, seine „Querdenker-Seele“, hat vielleicht sogar eine in der Wissenschaft ganz natürlich Aufgabe bewältigt; jene der Falsifizierung. Mit anderen Worten: wer zu A gelangen will, muss erst mal nach -A schauen. Er gelangt dadurch zum Ziel, dass er zunächst erkennt, wie es nicht geht. Da er in einem Interview war, hat er eben laut gedacht. Der Prozess der Erkenntnis kam später. Will man ihm das nun zum Vorwurf machen? Wenn ja, dann könnten wahrscheinlich 90-95% der bundesdeutschen Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz gleich morgen verlassen. Oder wir würden in einer ziemlich wortkargen Atmosphäre landen.

Er war in einer exponierten Position, in der man hinhörte, wenn er etwas sagte und auf seine Worte genau achtete. Zudem spricht er eine recht verständliche Sprache, die von Verkürzungen lebt und zum Großteil auch nur durch genau diese Verkürzungen den Worten zum Leben verhilft. Die vielen Missverständnisse um seine Worte, sind im Grunde ein Abbild der unterschiedlichen Sprachwelten. Ironischerweise verstehen wahrscheinlich Muslime oder Araber mit eher unterdurchschnittlichen Deutschkenntnissen Sarrazin eher als seine Landsleute, trotz Deutsch als Muttersprache und 12 Jahren Schuldeutsch.
 

 

Wer und was schafft sich da gerade ab?

Es ist durchaus denkbar, dass, wenn die politische Führung Deutschlands weiterhin so auf diesen „Medien-GAU“ reagiert, sich Deutschland in der Tat selbst abschaffen würde. Es blieben nur Deutsche und alle anderen im früheren Deutschland Lebenden übrig; ganz gleich welcher Hautfarbe, Religion, Kultur etc.

Vielleicht war der Buchtitel ja sogar recht prophetisch. Europa wächst zusammen, die Welt wächst zusammen. Menschen wachsen zusammen, noch mehr wenn sie keine Lust mehr auf Kriege und sonstigen Streit haben. Wozu braucht man dann noch Deutschland. Eine deutsche Nationalität wäre völlig ausreichend, z.B. als deutscher Europäer. Und wenn die Türkei irgendwann einmal zur EU gehören sollte, gibt es noch türkische Europäer. Wen interessiert dann noch das Thema „Integration“?

Unter anderen politischen Vorzeichen würde Sarrazin allein für seine Konsequenz, in Fettnäpfchen zu treten und Wespennester aufzustechen, das Bundesverdienstkreuz, meinetwegen am Bande, zustehen. Doch dann müsste es vom Volk direkt verliehen beziehungsweise bestimmt werden können.

In jedem Fall wissen alle Beteiligten, dass sie einiges zu verlieren haben. Die Frage ist auch nicht mehr, ob sie etwas verlieren, sondern wie viel, wann und wie. Das ist dann wahrscheinlich eine Frage, die nur die persönliche Freiheit der Einzelnen beantworten kann.

Ich persönlich fühle mich seit einer Woche jedenfalls den türkischen Döner-Verkäufern näher als je zuvor, obwohl ich mich nie wirklich sehr weit entfernt gefühlt habe. Scheinbar paradox, doch so ist wohl das Leben. Insofern freue ich mich nahezu schon auf weitere, zukünftige Medienberichte, Talkshows, Buchveröffentlichungen von, über und wegen Thilo Sarrazin.

Achja, und irgendwann lese ich dann auch mal das Buch.

 

 


[1]       Welt Online, 05.09.2010, „Ein Stück Fladenbrot für Thilo Sarrazin“,
www.welt.de/politik/deutschland/article9411426/Ein-Stueck-Fla...
, abgerufen am 06.09.2010

[2]       Welt Online,04.09.2010 , „Wie Sarrazin sich selbst ins Abseits redete“,
www.welt.de/politik/deutschland/article9397685/Wie-Sarrazin-s...
, abgerufen am 06.09.2010
 

[3]     Welt-Online, 29.08.2010, „Mögen Sie keine Türken, Herr Sarrazin?“, www.welt.de/politik/deutschland/article9255898/Moegen-Sie-kei...,  abgerufen am 29.08.2010


Übrigens, habe ich gestern bei eBay gesucht ... hat mich interessiert, wie „der Markt“ so ausschlägt.
Und siehe da, gefunden ... das Sarrazin-Buch – das besagte, berühmt-berüchtigte – für 72 Euro.

Heute (okay gestern ;)), am Weltfriedenstag, war Angebotsende und nach 38 Geboten stand auch der End-Preis fest: schlappe 83,82 Euro (siehe Snap-shot unten drunter).

Keine Ahnung, ob die Auktion gefakt war, doch da soll mal einer sagen, die Deutschen hätten keinen Humor ;)

Vielleicht hatte ja jemand Angst, dass das Buch auf den Index oder es keine zweite Auflage mehr geben werden würde. Ich weiß es nicht.

Eines weiß ich jedenfalls ... Sarrazin sieht nichts anderes als die Bundesregierung, will auch nichts anderes als die meisten dort – von der FDP, über die CDU/CSU bis hin zur SPD. Nur in der Ursachenforschung weichen die Meinungen ab. Wobei sich die Bundesregierungen da meist seeeehr bedeckt hielten und halten. Warum nur? Zugeständnisse? Aufarbeitung? Leichen im eigenen Keller? Müsste man vielleicht etwas verändern am Blickwinkel auf Menschen allgemein? Am Menschenbild allgemein?

Hmm, ansonsten ... business as usual, somehow ... doch ’ne Menge Geld kann man damit verdienen.

Ach, ich beginne den Kapitalismus zu lieben ... oder er mich? Wir uns? :)

Klar, Sarrazin sieht den Menschen als Kostenfaktor. Das ist vielleicht nicht schön, doch er ist Finanzwirtschaftler und da ist eine solche – eingeschränkte – Sichtweise nicht ungewöhnlich ... wenn auch in der Sache nicht wirklich hilfreich.

Dennoch wer macht weniger Dummheiten: jener, der sich bei der Ursachenforschung irrt oder jener, der blind immer wieder denselben Fehler macht, ohne wirklich nach den Ursachen zu fragen und zu suchen und sich in Stillschweigen zu hüllen?

Sarrazin übt sich in Trial & Error ... und auch mit Error kann man Geld verdienen und sich Ansehen verschaffen, denn der Versuch wird honoriert. Zumindest noch ... in fünf Jahren interessieren Sarrazins Thesen niemanden mehr wirklich.

Doch das Versuchen allein ist es wohl auch, was 4/5 der Deutschen an Sarrazin gut finden, und einige sicher auch an einigen seiner Thesen ... ganz sicher. Wie viele wissen wir nicht, doch wir werden es spüren – demnächst, vermutlich. Alle Menschen in Deutschland, ganz gleich welcher Herkunft.

Für dieses Versuchen, für diesen bewussten Tabubruch zolle ich Sarrazin Respekt, auch wenn ich seine Ursachenforschung schräg und überholt finde; ebenso seine staatstreuen Lösungsansätze.

Doch er traut sich ... im Gegensatz zu vielen (den meisten) anderen in seiner Position bzw. auf seinem Machtlevel. Ausgerechnet der mitunter durch ein mögliches Stottern etwas gehandicapte Sarrazin macht den Mund auf ... ja, dazu muss man schon Humor haben. Während andere sich lieber in Spott, Hohn und Schadenfreude üben, macht Sarrazin etwas was wirklich Humor besitzt, wenn man es mal möglichst emotionslos ansieht.

Sarrazin ist nicht mal wirklich zynisch, eher sarkastisch, mitunter – eher selten – ironisch ... während sich der Rest in perfider Scheinheiligkeit jeden Tag selbst und Millionen andere in die Tasche lügen ... und dabei wesentlich besser verdienen als Sarrazin.

Sarrazin findet klare Worte, während beispielsweise Westerwelle genau dasselbe sagt, z.B. über Hartz-IV-Empfänger, doch Westerwelle würde sich niemals trauen, bei Hartz-Ivern auch mal „Schwarzarbeit“ durchgehen zu lassen, ehe denen „zu Hause die Decke auf den Kopf fällt“. Sarrazin ist weiter als die gesamte bundesdeutsche Arbeitsmarktpolitik der letzten 20 Jahre.

Und was muslimische und arabische Migranten anbetrifft, so hoffe ich, dass er möglichst häufig von selbigen zu einer Tasse Kaffee eingeladen wird und man sich mal auf gleicher Augenhöhe, in Ruhe und ganz entspannt etwas näher kommt ... ja, auch und gerade in der sog. bildungsfernen Unterschicht.

Und dann kann er über seine Erfahrungen und Gedankengänge gern wieder ein Buch schreiben ...

 

 

Es gibt ja den Witz des Tages, den Witz der Woche oder oder oder ... mitunter findet man auch mal Witze, die man als Witz der oder meinetwegen einer Ära bezeichnen kann oder könnte.

Zum Beispiel jenen aus einem Witze-Buch, welches ich wohl Anfang der 1990er Jahre mal geschenkt bekommen oder gekauft habe. „Lachen ist gesund!“ heißt das Werk, kam schlappe 5 DM und auf Seite ... hmm, hoppla, Seitenzahlen gibt’s keine ;) ... also jedenfalls relativ weit hinten in dem schätzungsweise 300 Seiten starken Buch findet sich dieser hier:

 

„Herr Direktor, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. Kürzen Sie mein Gehalt bitte um zwanzig Mark.“

„Warum denn das?“

„Weil ich dann Sozialhilfe bekomme!“

Tja, den kann man heute in Deutschland gar nicht mehr verstehen, vermutlich. Obwohl man wohl noch Sozialhilfe beantragen kann, soweit ich weiß, wenn man nicht 15 Stunden die Woche arbeiten kann, z.B. aus gesundheitlichen Gründen.

Das so genannte Arbeitslosengeld II ist ja nicht nur eine Leistung für 3,xxx Mio. Arbeits- bzw. vielmehr Erwerbslose, sondern es wird teilweise auch an so genannte „Ergänzer“ oder eher unter dem Begriff „Aufstocker“ zusammengefasste Arbeitende gezahlt, welche zwar arbeiten, doch unter dem ALG-II-Regelsatz, 359 Euro plus volle oder teilweise Miete, bleiben. In Deutschland betrifft dies um die 2 bis 3 Millionen Menschen.

Wer also bei diversen Lebensmitteldiscountern, netto & Konsorten, wieder mal ein Schild sieht „Stelle auf 325-Euro-Basis“, weiß Bescheid. Ein vom Staat bezuschusster „Aufstocker“-Job.

Aus einem Forumsbeitrag bei discountfan.de habe ich folgenden Beitrag entnommen:


Re: 325-Euro-Kräfte bei Netto

Gesendet von: uschi ()

Datum: 10. January 2010 20:52

 

also bei uns in meck pomm sind die verträge wie folgt
14 stundenwoche
325 euro im monat
4,50 euro stundenlohn
dazu 0,50 sonderzulage
noch mal 0,50 sonderzulage
darunter steht dann das man auf urlaubs- und weihnachtsgeld verzichtet

 

Mann, soviel Sonderzulage? ;) ... das klingt ja fast nach ’nem Spitzenjob.

Wie sich so ein „Spitzenjob“ anfühlt, kann man u.a. in einem Artikel auf News.de nachlesen.

In der ostdeutschen Friseurbranche scheint das „Aufstocken“ mittlerweile mehr als 75% der Arbeitenden zu betreffen, wie im Spiegel-Artikel „Haarschnitt auf Staatskosten“ beschrieben wird.

Wer sich also einen schrägen Haarschnitt zulegen oder ein Ei an den Kopf geschmissen haben möchte, erzähle beim Friseur oder bei netto einfach den Witz von oben. Nein, das war bestenfalls Galgenhumor ... doch seltsam ist es schon, wie aus einem sarkastischen Witz innerhalb von 20 Jahren ein zynischer Witz werden kann.

Tja, na Gott sei Dank, haben wir da in Deutschland DAS Jobwunder ...

 


Heute mal ganz kurz und knapp ...

 

Wen es interessiert, der kann unter einer Seite des Dresdner Blogger Blechkopp alias Thomas Raabe auf dessen blechblog, der mit dem Slogan „Nichts ist unblogbar!“ sozusagen wirbt, eine recht kunterbunte Mischung diverser Dresdner Blogs finden.

Natürlich findet man dort nicht alles und alle, doch allein eine solche Übersicht zu erstellen, verdient Respekt ... von der Laufenthaltung mal ganz abgesehen.

Insofern Dank an „Blechkopp Thomas“ ;)

Achja, der Link :) - http://blog.blechkopp.net/dresdner-blogs/


 

Wer sich in Vereinen, Parteien (die ihrer Struktur nach auch Vereine sind) und ansatzweise auch etwas loser organisierten Selbsthilfegruppen engagiert oder dies möchte, der wird sicherlich früher oder später mit dem Wort „Vereinsmeierei“ in Berührung kommen. Höchstwahrscheinlich eher mit dem Wesen der "Vereinsmeierei" als mit dem Wort; vermutlich. Zum Teil geht das Vereins-Wiki auf dieses Phänomen ein und Google findet momentan fast 400.000 Einträge.

Zu den psychologischen Hintergründen (ich nenn’s jetzt mal „psychologisch“, ganz korrekt ist es wohl nicht) hat Wilhelm Reich in seinem Buch „Menschen im Staat“ einiges geschrieben und erklärte mir einige meiner persönlichen Erfahrungen aus schätzungsweise einem Dutzend Vereinen und sonstigen ähnlich gelagerten Organisationsformen, die sich mit recht weitgefächerten Themen (Stottern, Politik, Stadtentwicklung, Zeitungswesen, Radio, Kunst, Philosophie etc.) beschäftigt haben. Ich würde es mal als eine Erklärung für das häufig in Gruppierungen anzutreffende "im-eigenen-Saft-schmoren" bezeichnen.

 

 

Ich kam zu dem Schluss, dass in eigentlich fast allen Fällen – hmm, eigentlich fällt mir fast kein Gegenbeispiel ein – die Arbeit der jeweiligen Gruppierung sich gegen die ursprünglichen Ziele der Gruppierung gewendet hatten. Das gab mir zu denken, sehr zu denken ... insbesondere wohl auch nach meinen Erfahrungen bei der Piratenpartei Sachsen, wobei ich von Anfang an offen klar gemacht hatte, kein Mitglied zu werden.

Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass es besser ist – zumindest für mich – Dinge, die mir wirklich wichtig sind, erst einmal allein zu machen. Will ich mich nicht mit anderen Menschen allzu sehr auseinandersetzen, dann halte dich von Organisationsformen zunächst fern. Wenn es nötig ist, dann versuche es über lose Netzwerke, bei denen es eine möglichst hohe Ausgeglichenheit zwischen Eigensinn und Gruppenwille gibt. Nichts ist für mich schlimmer sozusagen, als wenn die Eigeninitiative einiger Menschen durch eine Gruppe gelähmt wird. Die Summe von mehreren Einzelteilen sollte mehr sein als weniger ... eigentlich ganz simpel. Theoretisch.

Reich beschrieb auf den Seiten 240 & 241 von „Menschen im Staat“ (Stroemfeld Verlag Basel, Franfurt/Main, 1995) dieses Phänomen etwas näher. Soweit ich das recherchieren konnte stammt ein Großteil der Texte aus den Jahren 1936 und 1937.

Ich verabschiede mich schon mal ... nicht jedoch ohne auf ein anderes Werk von Reich – „Die Massenpsychologie des Faschismus“ – hingewiesen zu haben ...

So weit, so gut ... möge Wilhelm Reich nun das Wort haben ;) ... Pirat Micha.

 

„... Die Organisation wird um einer Sache willen gebildet, um ihr Verbreitung und Schutz, mehr: ein Heim zu sichern. Doch gleichzeitig entsteht damit ein Widerspruch. Eine Sache, die neu ist, lebt und entwickelt sich, solange sie unabhängig ist. Auch von den persönlichen Verbindungen ihrer Vertreter. Wir sie von vielen vertreten, dann wächst die Einmischung persönlicher Hemmungen und ihr hemmender Einfluß auf den freien Fluß der Entwicklung. Es beginnt zuerst die Bremsung, dann die sanfte Streichung des Radikalen und Rasanten, um schließlich in Umbiegung und Anpassung gerade in dasjenige zu münden, gegen das die Sache in Bewegung kam. Erfolgt die Organisierung nicht früh genug, dann verlieren sich wertvolle Mitarbeiter, die den Fehler haben, ohne heimatliche Ahnlehnung nicht wirken und nicht allein stehen zu können. Organisiert man zu früh, dann beginnt auch die Abflachung und Umbiegung zu früh, das heißt, noch ehe die Sache Zeit hatte, das Pionierstadium zu passieren. Denn erst müssen in der Opposition alle Kräfte der Kritik am Bestehenden sich zu neuen produktiven Gedanken verdichtet haben, ehe das Neue fähig wird, seinen Einsatz an Stelle des Alten zu wagen. Dabei wird zunächst das Alte dort negiert, wo es falsch ist. Doch gleichzeitig wird die ehrliche Oppositionsbewegung dasjenige genau kennen und fortzuentwickeln bereit sein, was sie vom Alten übernehmen will oder muß. Es gibt ja nichts, das eindeutig richtig oder eindeutig falsch wäre. Die Zeit verändert viel an »richtig« oder »falsch«. Was heute richtig ist, kann morgen falsch sein, und umgekehrt. Andererseits kann das Neue in seiner kritischen Aktion, da es mit schweren Fragen zu ringen hat, nicht sofort auf alles Antwort geben. Mehr, es darf gar nicht unternehmen, alles beantworten zu wollen. Das würde sofort lähmen. So kann zum Beispiel niemand, der den Faschismus schlagen will, sofort alle positiven Maßnahmen im Detail parat haben, die er an dessen Stelle setzen muss. Hauptsache bleibt, daß die Kritik im Einklang mit den Tatsachen ist und die positive Konstruktion keine Utopie. Sie muß mit den wirklichen Vorgängen in der Welt nicht nur übereinstimmen. Sie muß nicht nur in der Entwicklung vorwärts gerichtet sein. Mehr: die oppositionelle Bewegung einer Gruppe innerhalb einer verkalkenden oder verkalkten Organisation muß genau wissen, suchen und auffinden, welche Kräfte in der Welt unabhängig von ihr dem gleichen Ziel zustreben. Nur dann besteht die Hoffnung, den Anschluß der Gruppenbewegung an den Prozeß in der Gesellschaft zu sichern. In diesem Stadium ist die Herausarbeitung der Gegensätze zur festgefahrenen Organisation das wichtigste. Da alles Neue nicht nur Negierung des Alten ist, sondern auch seine Fortsetzung in bestimmten Bereichen, müssen die Gemeinsamkeiten stets am richtigen Platze stehen. Wer Opposition macht und nur behauptet, daß er die Gemeinsamkeiten selbst besser vertreten will, ist ein Esel. Denn er kann sie nicht besser vertreten als die Organisation. Hätte er nichts als Gemeinsamkeiten mit der kritisierten Bewegung, dann hielte er lieber stille. Sie ist stärker als er. Den Gegensatz so zu formulieren und zu vertreten, daß er die Sympathie der besten Kräfte der Organisation sichert, ist eine Kunst. Sie ist nicht durch Taktik zu ersetzen. Sie beruht auf Ehrlichkeit und absoluter Konsequenz im Auftreten, mögen auch vorübergehende Misserfolge drohen. Das heißt, man muß die Fähigkeit haben, auch allein zu stehen.“

 

 

Er liebt es aus dem Hinterhalt zu schießen,
doch für einen Scharfschützen ist er wahrscheinlich „zu sehr Pazifist“.

Er liebt das Wort oder vielmehr das Wörtliche.
Für Wortspiele ist er selten zu haben und ...
künstlerische Freiheit verwechselt er mit künstliche Freiheit.
Das Internet bietet ihm diese Möglichkeit.
Sie sei ihm gegönnt.

Schließlich braucht der diese Maske,
denn sonst wäre er ja kein Heckenschütze mehr.
Seltsamerweise sind es auch wirklich meist Männer ...
Naja, Männer haben eh mehr Angst vorm Leben – vermutlich.
Drum haben sie auch Angst vor Frauen.
Eigentlich haben sie Angst vor sich selbst.
Eigentlich sind sie auch keiner Männer, sondern Männchen.

Mitmenschen sind Spiegel ...
Frauen häufig besonders gute.
Drum laufen Heckenschützen auch gern weg ...
vor ihren Mitmenschen, und besonders vor Frauen ...
im real life.

Im virtual life ist das etwas anders, etwas einfacher.
Da können sie mal so richtig ihren nicht vorhandenen Mann stehen ...
Und die verbale Sau rauslassen.
Ja, auch das sei ihnen gegönnt.

Sie haben ja sonst nicht viel zu lachen im Leben.
Wer wenig bis keinen Selbsthumor hat,
der wird eben zum Heckenschützen.

Wenn’s kein Internet geben würde,
tja, was dann? ...
würden sie wohl Leserbriefe schreiben.
Nein, glaube ich nicht mal ... dauert zu lang, macht Arbeit.
Und überhaupt – wen interessiert’s?

Doch im Internet ... hhmmm,
da kann man wenigstens mal jemanden einen so richtig vor’n Latz hau’n.
Das steigert dann des Internet-Heckenschützen Egolein.

Für’n Ego reicht’s noch nicht, das unterdrückt er tunlichst.
Mit Erfolg ... sonst wäre er ja kein Heckenschütze geworden ... oder nicht mehr.
Unterdrückung wurde ihm antrainiert; ging den meisten Menschen so.
Doch der Internet-Heckenschütze will diese Unterdrückung auch gar nicht (ver)ändern.
Der alte Affe Angst ... da ist er wieder.

Er liebt diese, mittlerweile seine eigene Unterdrückung ...
weil man die so schön auf andere abwälzen kann.
Ja, sich größer machen kann der Internet-Heckenschütze ...
allerdings nur, wenn er andere scheinbar kleiner als sich macht.

Eigentlich ist er arm, innerlich arm.
Doch eine Tastatur kann er benutzen,
ja, das kann er ...
Und deshalb liebe ich ihn auch so sehr.

Ich würde ihn noch mehr lieben,
wenn er sich auch zeigen könnte.
Würde ihm auch bei Frauen helfen,
da bin ich mir sicher ... gaaanz sicher.
Auch das würde ich ihm gönnen ...
von ganzem Herzen.

Doch bis dahin vergehen noch einige Tage, Wochen , Monate ...
So lange, bis er sich selbst mit sich langweilt,
denn jede innerliche Leere langweilt irgendwann.

Gaaanz sicher :)

 

Am 25.08.2005 verließ ich die Praxis eines Hautarztes in Dresden. Der Ort ist nur in gewisser Weise wichtig, wenn auch nicht ganz unwichtig. Das Datum wäre unwichtig, wenn es nicht dazu geführt hätte, mich besser zu erinnern. An eine Begegnung ... mit Arno V. Doch der Reihe nach.

Ich hatte die Praxis verlassen kurz nachdem mir ein Termin für November, bestenfalls Oktober 2005 angeboten worden war; für eine Allergietest. Einen sogenannten Prick-Test macht eine Arztgehilfin in 15 Minuten, quasi im Vorbeigehen. Dachte ich. Als mir die Terminaussichten genannt worden waren, löste sich zunächst meine Illusion, alles noch an diesem Tag „über die Bühne“ zu bekommen, rasch in Wohlgefallen auf. Auf meine Reaktion, dass ich doch nur einen Allergietest und keine dreistündige OP wollte, folgte eine vielsagende Antwort der Schwester an der Rezeption: Schweigen.

Naja, ich ließ mir also den frühstmöglichen Termin, Mitte Oktober 2005, geben und verließ die Praxis. Bereichert um einen Terminzettel und eine Geschichte, die ich nun unbedingt loswerden wollte.

Keine 100 Meter von der Praxis entfernt sehe ich einen Mann die Straße entlang laufen. Er wirkte etwas in sich gekehrt, ja traurig oder frustriert, irgendetwas in der Art. Den wollte ich aufmuntern. Dachte ich. Ich fragte ihn also, ob ich ihm eine lustige Geschichte erzählen kann. Er antwortete mit einem klaren „Nein.“ Sie sei wirklich lustig, versuchte ich es erneut, worauf er erst ein mittellautes „Lassen Sie mich in Frieden.“ entgegenrief und dann etwas schneller lief. ‚Na, dann eben nicht.’, dachte ich mir. Doch die Geschichte wollte raus beziehungsweise an den Mann oder die Frau gebracht werden. Die Geschichte wollte es so und ich war ihr Gefangener oder hatte ich sie gefangen? Keine Ahnung, jedenfalls erblickte ich – wiederum keine 100 Meter weiter – die Lösung für mein Problem.

Über die Ampelkreuzung hinweg, am Albertplatz, stand er. Er, das war Arno. V. Und es war Wahlkampfzeit, keine vier Wochen mehr bis zur Bundestagswahl und Arno V. wollte – wieder – dort hinein. Ergo: Arno V. suchte Kunden und was noch mehr für mich und meine Geschichte zählte – er konnte nicht weg. Er konnte mir auch nicht sagen, dass ich ihn in Frieden lassen solle. Der Kunde ist bekanntlich König. Auch in Sachsen. Gerade dort. Meistens zumindest.

Ich begrüßte also Arno V. und er mich. Da ich das Wahlprogramm seiner Partei schon so „pi mal Dauemn“ kannte, fragte ich ihn sogleich, ob ich ihm eine Geschichte erzählen könne. Er bejahte dies zwar nicht, doch lehnte es auch nicht ab. Ging ja nicht, wussten wir ja beide. Klar ahnte ich, dass er sich einen besseren Zeitvertreib vorstellen konnte, doch er wollte ja – wieder – in den Bundestag, nicht ich.

Ich erzählte ihm in ein, zwei Minuten meine Geschichte. Er hörte gespannt zu und klopfte mir dann wohlwollend auf die Schulter. Zumindest glaube ich das, so im Rückblick. Jedenfalls zeigte er Verständnis oder versuchte es irgendwie. Mir war natürlich klar, dass er nicht auf die Zustände oder irgendjemanden schimpfen konnte, denn irgendwie war er ja zumindest teilverantwortlich oder zumindest nicht ganz verantwortungslos, dass es diese Geschichte überhaupt so entstehen konnte. Allerdings war mir das schon etwas zuviel Mitleid und ich meinte, dass ich das ganze doch auch irgendwie lustig finden würde. Ja, und er. Fand er es lustig? Weiß ich nicht mehr, hat er auch nichts drüber gesagt. Er konnte es ja auch nicht lustig finden. Er wollte ja in den Bundestag. Wieder mal.

Also schweifte ich etwas ab und fragte ihn, ob er wissen würde, dass heute Honi Geburtstag hätte. Ja, es war der 25. August und das hatte ich mir als POS-Schüler in der DDR irgendwie gemerkt. Wie man sich häufig völlige Nebensächlichkeiten aus dem Schulstoff merkt. Doch diese Nebensächlichkeiten sitzen. Ein Leben lang.

Und Arno V.? Was sagte der? „Und ich feiere heute mit meiner Frau silberne Hochzeit.“ Hmm, da war ich zunächst etwas sprachlos. Soviel Schlagfertigkeit hatte mich kurzzeitig überfordert. Eine Sekunde später streckte ich meine rechte Hand in seine Richtung aus und meinte lachend „Na dann, Gratulation.“

Wir verabschiedeten uns kurz darauf und ich hatte ein neues Problem: eine weitere Geschichte, die ich an den Mann oder die Frau bringen „musste“.

Arno V. schaffte es im Übrigen – wieder – in den Bundestag, auch vier Jahre später – wieder. Im Jahr 2009 erhielt er den Sächsischen Verdienstorden. Vielleicht auch, weil er sich so emotional im Bundestag für die Waldschlösschenbrücke in Dresden eingesetzt hatte. Achja, das war das andere Mal, dass ich Arno V. nochmals gesehen hatte.

Und vermutlich begeht er – wenn alles seinen normalen Gang gegangen ist – am 25. August 2010 sein 30jähriges Hochzeitsjubiläum. Na, wenn das kein Grund zum Feiern ist. Ich denke an dich, Arno, und gratuliere. Euch, also Ihnen, beiden, versteht sich.

 


 

Gleich vorweg ... für den Fall, dass jemand (sich) fragt bzw. fragen wollte: ein Kerze auf dem Marienkäferkuchen steht für zwei Monate, also insgesamt auch ein Jahr. Dieser Blog wird nämlich in sich abwechselnden Zwei-Monats-Intervallen betrieben. Zwei Monate Schreiben, zwei Monate Pause usw. ... und manchmal sind zwei Monate auch kürzer oder länger ;)

Jedenfalls lasse ich mich ebenso manchmal „anstecken“. Nicht nur von Viren, Bakterien oder wie auch immer Dingen aller Art ... man teilt ja so einiges mit seinen Mitmenschen, ob immergewollt oder nicht, sei jetzt mal dahin gestellt. Man tut es einfach: das Teilen. Ebenso auch das Mitteilen, wie zum Beispiel in diesem Blog.

Mit der Dresdner Bloggerin DJane teile ich die Idee der Jahres-Bilanz und ebenso das Hobby des Mitteilens, eben über einen Blog. DJane's Jahresrückblick regte mich dazu an, selbst einen zu "machen" bzw. zu schreiben.

Vor rund einem Jahr, am 15. August 2009 startete der Pirat-Micha-Blog.  Beeinflusstr, ganz klar, von den Landtagswahlen in Sachsen am 30.08.2009. Ich trat als unabhängiger, parteiloser Listenkandidat für die Piratenpartei an und wenn es die 5-Prozent-Klausel nicht geben würde, würde ich jetzt mit 4000plus Euro Monat „auf die Kralle“ als Nr. 2 der Piraten bzw. vielmehr für die Piraten im sächsischen Landtag sitzen.

Dass es nicht so gekommen ist, ist auch okay. Weniger Geld macht nichts, mehr politische Verantwortung wäre vielleicht ganz interessant, doch so naiv bin ich auch nicht mehr, als dass ich glauben würde als  einer der 120 Landtagsabgeordneter großartig viel Einfluss zu haben. Witzig wäre die Erfahrung in einem Parlament jedoch allemal.

Doch ob dann noch Zeit für einen Blog gewesen wäre? Hmm, wahrscheinlich doch ... denn mir wäre sowieso die Transparenz das Wichtigste gewesen. Ich glaube, dass man mehr für die Demokratie in Sachsen tun kann, wenn man dem geneigten Zuhörer mal einen Einblick in das Innenleben des Landtages gibt als „unter Piratenflagge“ frisch-naiv die Politik aufmischen zu wollen.

Und da ich meine Unabhängigkeit mehr liebe als die Piraten, habe ich mich dann auch im Februar 2010 endgültig aus Piraten-Medien zurückgezogen. Okay, ein,  zwei Forumseinträge kamen noch hinterher – soviel Korrektheit „muss“ sein.

Was blieb, war dieser Blog. Und da parallel zur heißen Phase des Wahlkampfes die Leichtathletik-WM in Berlin stattfand, Usain Bolt wieder mal irgendwo hinrannte, wo keiner mehr mitrennen wollte, startete ich am 17.8.2009 den Sportsfreund-Micha-Blog.

Nun soviel zur Geschichte ... nun ein paar nackte Zahlen und zu dem, was sie bedeuten könnten bzw. für mich bedeuten.

Hmm, oder ... fangen wir mal lieber beim Sinn des Ganzen an.

 

Geschichte und Sinn & Unsinn der Micha-Blogs

Begonnen habe ich mit dem Bloggen eigentlich bei den Piraten selbst, als Schreiber eines kurz nach den Landtagswahlen 2009 von der Piraten-Sachsen-Homepage abhanden gekommenen Landtagswahl-Blogs. Er ist nicht über das Archiv der Piraten-Sachsen-Seite erreichbar, sondern nur noch über den direkten Link und wurde „Opfer“ eines Serverumzugs.

Mehrmaliges Anfragen meinerseits wurde registriert (Betonung auf „registriert“). Der Betreiber des neuen Servers bot ein kostenloses Hosting an und war im Übrigen dann mehr oder minder aktiv im Kreis der Piraten Leipzig. In seiner erster Meldung über die Mailing-Liste der Piraten Sachsen rief dieser im Übrigen indirekt zur Revolution auf, als „Hauptfeinde“ wurden der damalige Vorstand und eine in Leipzig sehr aktive Piraten erkoren. Sehr witzig, was ich da innerhalb eines halben Jahres bei den Piraten erlebt habe, wen’s interessiert der schau einfach in den Offenen Brief an die Piraten(partei) Sachsen.

Übrig blieb das Bloggen und das  - auch schon vorher vorhandene – Interesse am Erkennen von Zusammenhängen in Gesellschaft und Politik. Aus dem Blogerlebnis bei den Piraten erschließt sich auch schon der erste Sinn eines Micha-Blogs. Hier habe ich das Sagen, was geschrieben wird. Was zensiert wird, sprich gelöscht oder nicht erscheint, bestimme nur ich; es sei denn es fällt etwas in die Sparte „technische Ungereimtheiten“, was ich entweder nicht wissen oder nicht überprüfen kann. Oder beides.

Da ich prinzipiell Kommentaren offen gegenüberstehe, gehen selbige auch nicht erst durch eine Moderation wie das bei den Piraten üblich war, sondern erscheinen direkt nach dem Schreiben. Spam, sprich Werbe- oder sinnlose Einträge à la „xyz123%$§&“ lösche ich, was allerdings noch nicht vorgekommen ist.

Mittlerweile glaube ich auch, dass die meisten wissen, dass sie auf einen Kommentar in einem von mir betriebenen Blog auch immer einen neuen Kommentar erhalten werden ... kann auch mal länger dauern, doch er kommt bestimmt.

Letztlich geht’s ja doch irgendwie darum, dass letzte Wort zu haben und in Micha-Blogs hat Micha das letzte Wort ;) ... wenn ich keine Lust mehr auf Diskussionen habe, dann schreibe ich „Ja, XXX, du hast vollkommen recht ... aus deiner Sicht.“ ... wenn er oder sie wirklich Interesse hat, kann er dann auch versuchen, meine Sicht nachzuvollziehen. Häufig sind es sowieso kaum zu analysierende persönliche Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten, die Diskussionen meist unsachlich werden lassen. Da habe ich Erfahrungen in diversen Foren sammeln können und nach schätzungsweise über 2500 Einträgen in rund 10 Foren dürfte man wissen, dass es nicht ums Rechthaben allein geht.

 

Qualitäten – Inhaltliches

Der Pirat-Micha-Blog wollte sich ursprünglich mit Politik beschäftigen, was er auch tat und tut. Doch mitunter kann Politik auch recht langweilig werden, drum kam zwischen durch mal etwas Musik mit rein oder eine Verbindung von Musik und Politik oder irgendetwas in der Art.

Irgendetwas in der Art wäre eigentlich ein Grund, weitere Blogs zu betreiben, so wie es der Sportsfreund-Micha-Blog schon vorhatte. Ein letztes Jahr begonnener DJ-Micha-Musik-Blog dümpelt etwas vor sich hin. Was schreibt man auch großartig über Musik? Die hört man doch in 90% der Fälle ... und zum Musik-Kritiker tauge ich nicht. Musik, die mir nicht gefällt, schalte ich ab. Musik, die mir gefällt, kann man als YouTube-Clip verlinken, was nicht sonderlich originell ist, doch was Besseres fiel mir noch nicht ein und mehr Zeit habe ich auch nicht bzw. möchte sie mir momentan auch nicht nehmen.

Letztlich ist es also ein Ausprobieren des Web 2.0 ... eine tolle Sache, wie ich finde. Und Blogs sind da in der Tat eine ganz gute Variante.

Der große Vorteil eines Blogs ist für mich die recht einfache Handhabung, z.B. Einbindung von Graphiken und Videos. Nachteile gibt’s auch, doch sie fallen mir momentan nicht wirklich ein. Vielleicht abgesehen davon, dass Blogbeiträge ab zwei Bildschirmseiten für viel mühsam zu lesen oder uninteressant werden, doch für meine Neigung zu wortreichen, häufig ausschweifenden Texten habe ich noch keine passende Alternative gefunden ... und Bücherdrucken kommt erst später ;)

Und bevor es mit noch mehr Text weitergeht, gibt's etwas Musik, die auch auf dem DJ-Micha-Blog verlinkt ist ... Bomb the Bass' "Winter in July" klingt übrigens auch ganzjährig gut; ... und ja, an die "Herren der Schöpfung" ... nicht nur auf's Kleid schauen einen Blick auf/in den Song-Text empfehkle ich an dieser Stelle ausdrücklichst ;)

 

 

Quantitäten – Artikel & Kommentare

Okay, einen weiteren Nachteil gibt es noch, doch den habe ich irgendwie umgehen können. Mitunter kann ein Blog reichlich Arbeit machen. So gern ich mit Menschen in Kontakt trete und über diverse Themen Meinungen austausche, es gibt einfach Grenzen, die ich möglichst einzuhalten versuche. Wenn ein Artikel mehr Kommentare, zeilenmäßig in der Summe, als der Artikel selbst hervorruft, dann kann dies sehr zeitintensiv werden. Da mir jeden Tag ein, zwei neue Themen einfallen, über die ich mal was schreiben könnte, was nach fünf Tagen rund 5-10 Themen sind, stößt man bzw. stoße ich schnell an die Grenzen meiner Fähigkeiten. Zudem sind manche Themen während des Schreibens schon innerlich bei mir durch.

Rein zahlenmäßig gesehen weist der Pirat-Micha-Blog 40 Themen und 47 Kommentare auf. Beim Sportsfreund-Micha-Blog sind es 14 und 9. Im Vergleich zu anderen Blogs recht mager – im Vergleich: der bereits erwähnte Blog von DJane kann – nach eigener Aussage – 146 Artikel „aufweisen“ und über 1000 Kommentare. „Verkaufsschlager“ sind die Micha-Blogs also keineswegs. Müsste ich davon leben, wäre ich schon längst verhungert ;)

Doch das muss ich ja nicht und genau deshalb ist der Blog auch so wie er ist.

 

Überlegungen zum Networking

Was ich unbewusst vermieden habe, ist, andere Seiten in die Linkliste aufzunehmen. Link-Listen sind Empfehlungen, keine Hinweise oder simple Linklisten. Für mich dient die Link-Liste ausschließlich Selbstzwecken, zum Hinweisen auf andere von mir betriebene Seiten.

Alles andere kann man konkret in einem Artikel tun. Dort kann man auf einen bestimmten Artikel oder eine Zitat aus einem Artikel verweisen. Kommunikation findet ja auch nicht über allgemeine Namen statt, sondern über ganz konkrete Einzeldinge.

Das Entstehen sog. Communities basiert ja häufiger auf gewissen Oberflächlichkeiten, was ansatzweise auch okay ist. Keiner wird sich erst zehn Jahre mit jemanden anfreunden, um ihn dann endlich als FaceBook-Freund akzeptieren zu können. Der Internet-Freund ist da anspruchsloser sozusagen.

Ebenso ist das mit Link-Listen, die ja irgendwie meinen „Seiten, die ich empfehle“ oder „Schau mal hier rein.“ Kurzum: es ist Werbung für diese oder jene Seite, hinter der dann irgendetwas steht. Wer und was, tja, das weiß man meist nicht so genau.

Insofern beziehe ich mich lieber auf Konkretes, was zwar mehr Zeit bedarf, doch ebenso ein sparsamer Umgang mit Ressourcen für mich ist. Internet bedeutet Informationsflut ... doch wer braucht das schon? Informationsjunkies oder Informationsmasochisten vielleicht ... ich glaube, ich bin keines von beiden.

Die Frage ist ja auch immer wen man eigentlich mit einer Internetseite oder in diesme Fall einen Blog erreichen möchte.

 

Kontakte

Prinzipiell will man natürlich alle erreichen, die es interessiert. Geht mir nicht anders. Konkreter kann ich eigentlich gar nicht werden, denn eine Zielgruppenanalyse mache ich bestenfalls bei Real-Life-Gespräche und da stellt man schnell fest, dass es zwar Zielgruppen gibt, doch andererseits auch wiederum nicht.

Insofern war ich sehr überrascht, als sich vor einigen Wochen der Hammerwerfer Sergej Litwinow jr. mit einigen Kommentaren auf einen Artikel über ihn meldete. Wie er darauf aufmerksam wurde, weiß ich nicht. Vielleicht mal gegoogelt oder den Hinweis von einem Freund bekommen – keine Ahnung. Ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Informationen irgendwie doch Menschen finden, die sich angesprochen fühlen. In diesem Fall sogar der „Protagonist“ des Artikels. Mehr kann ein Blog auch zunächst nicht. Er wird Politik nicht direkt beeinflussen, doch er kann Anregungen geben, zum Nachdenken, zum Andersmachen, zum ... wie auch immer.  

 

Last but not least ... wie geht’s weiter?

… so wie bisher, eben nur anders ;)

In diesem Sinne, viel Spaß beim „Schmökern“ durch die Artikel. Danke im Nachhinein und im Voraus für Anregungen, Kommentare und ... überhaupt.

 

Es grüßt bloggend ... Pirat im Herzen Micha.


 

oder The Age of Stupid & coloRadio ... von der Kritik zur Chance – Teil 2

 

Wie bereits in Teil 1 berichtet, saß ich also nach dem Film „The Age of Stupid – Warum wir nichts tun?“ mit zwei GreenPeace-Dresden-Vertreter/innen und einem weiteren Gast – von mir in Teil 1 auf den Namen „Adam“ getauft, den ich zudem über meine Tätigkeit beim Dresdner Radioprojekt coloRadio her kannte im Dresdner Kino „Casablanca“ zusammen. Thema: der Kapitalismus und wie geht’s weiter.

Freilich kann man dieses Thema nicht in 20 Minuten abhandeln. Und wenn doch dann bestenfalls theoretisch. In den ersten Minuten dieser Unterhaltung zu viert, rutschte mir dann die zweite „typische Winkler-Bemerkung“ raus, vielleicht sollte ich Behauptung sagen?

 

Wer sind die größten Kapitalisten?

Es gibt Behauptungen ohne Begründung oder eigene Sinngebung und es gibt welche, die auf eigener Erfahrung beruht (ja, selbst dieser Satz gehört bereits in eine dieser Kategorien). Jedenfalls behauptete ich, dass für mich größten Kapitalisten meist jene seien, die am lautesten und (sinngemäß) vehementesten gegen und auf den Kapitalismus schimpften..

Zuvor hatte ich zu Adam gesagt, dass er das (Nächstgesagte) nicht als persönlichen Angriff verstehen solle. Was natürlich rein psychologisch völlig dumm war von mir, denn erst dann springt ein Mensch auf den nächsten Satz an ... und zwar erst recht und richtig :)

Naja, Kommunikation besteht aus mindestens „mehreren Ohren und Augen“, sprich Kommunikationsebenen ...  und allein das Bewusstwerden dieser oder jener Einflüsse kann wirklich weiterbringen. Was nicht heißt, dass man sich auch sofort versteht. Lediglich die Chancen, es zu tun, werden größer.

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Kapitalismusgegner eigentlich gar keine Kapitalismusgegner sind, sondern verkappte Kapitalismusbefürworter, die lediglich auf „die da oben“ schimpfen, weil sie selbst genauso sein wöllten, doch es nie im Leben schaffen werden – macht- und finanzpolitisch gesehen.

Umso lauter und aggressiver, wobei die Aggressivität häufiger anzutreffen ist (Lautstärke ist eher etwas für Redner auf Kundgebungen oder Parteitagen), desto stärker ist ihre innere Abneigung gegen den selbst ernannten Feind. Und den größten Feind übersehen sie dabei konsequent: sich selbst. Da sind sog. Linke besonders gut drin, denn das Sein bestimmt das Bewusstsein, wie es wohl Marx einst mal gesagt und/oder geschrieben haben muss. Dass das Bewusstsein ebenso das Sein bestimmt und darüber hinaus, Evolution erst möglich macht, wird meist abgelehnt oder zumindest als unwichtig oder nebensächlich abgetan.

Kapitalisten – linke wie konservative und rechte – zeichnen sich für mich zudem durch zwei Dinge aus: Geldfixiertheit und Humorlosigkeit, genauer gesagt Selbsthumorlosigkeit.

 

 

Selbsthumorlosigkeit

Wer bei Google mal „Selbsthumorlosigkeit“ eingibt, wird nicht weit kommen. Auch bei Eingabe von „Selbsthumor“ erscheinen zuerst Ergebnisse zum Thema „Selbstmord“.

Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Oder vielleicht doch. Ich möchte mal behaupten: wer wenig Selbsthumor hat, neigt eher zu Selbstmordgedanken. Wer längere Zeit überhaupt nicht über sich lachen oder schmunzeln kann, kann wohl als suizidgefährdet eingeschätzt werden. Nicht selten geht so eine Lebensweise mit umso größerem „Humor“ gegenüber anderen Menschen einher. Wobei Humor hier relativ ist, denn dieser Humor neigt eher zu Sarkasmus und Zynismus. Der Humor des Selbsthumorunfähigen fühlt sich irgendwo zwischen Hohn, Spott und Schadenfreude heimisch. Wer Selbsthumor hat, weiß auch mit Ironie umzugehen und diese zu erkennen.

Jan Fleischhauer, Autor des Buches "Unter Linken. Von einem der aus Versehen konservativ wurde." hatte bereits im Spiegel darüber geschrieben, „Warum Linke keinen Humor haben“. Doch wie bereits angedeutet betrifft dies keineswegs nur sog. Linke, sondern konservative Menschen im Allgemeinen. Vermutlich einschließlich Fleischhauer selbst, wenn er sich denn nun als "versehentlich konservativ" Gewordenen sieht.

Menschen ohne Selbsthumor findet man in allen politischen Lagern und da würde ich schon eher das Wort „konservativ“ wählen. Es gibt auch linke Konservative und rechte Liberale.

Was bei Menschen mit fehlendem Selbsthumor nicht weit weg ist, ist fehlende Selbstreflexion. Oder einfacher ausgedrückt: wer sich wenig selbstreflektiert, kann wenig über sich selbst lachen und nimmt daher andere Menschen zum Anlass. Meist umso mehr ... womit wir wieder beim Themenkreis Zynismus-Sarkasmus-Ironie wären. Doch dazu später vielleicht mal ...

 

Geldfixiertheit

Dass man manchmal Gelddinge wichtiger nimmt als eigentlich nötig, geht jedem Menschen mitunter so. Wer die finanzielle Frage allerdings ständig in den Vordergrund stellt, ist für mich ein klassischer Kapitalist. Das kann ein Hartz-IV-Empfänger genauso sein wie ein Multimilliardär. Der eine im ein- oder zweistelligen Euro-Bereich, der andere mit paar Nullen mehr "hinten dran". Die Einstellung zum Geld ist es, was beide verbindet.

Wobei es durchaus nicht unwahrscheinlich ist, dass gerade sogenannte Reiche einen mitunter recht entspannten Umgang mit Geld haben (können). Das jemand auf’s Geld schaut und genau nachrechnet, muss auch noch kein Merkmal für Geldfixiertheit sein.

Jedenfalls werde ich häufig stutzig, wenn Menschen im Geld alles Übel der Welt sehen. Klar kann Geld korrumpieren, klar geht es um Macht, wenn auch nur um scheinbare. Doch die Welt ist nicht nur Materie, nicht nur in Zahlen beschreibbar und erfassbar ... und vielleicht befinden sich prozentual unter den m.E. häufig noch dem wissenschaftlichen Materialismus anhängenden, sog. Linken mehr reine Kapitalisten als in anderen politischen Gruppen? Ich weiß es nicht ... doch was ich weiß bzw. woran ich mich erinnere, war Adams für mich etwas seltsame Vorstellung von Solidarität.

 

Linke "Solidarität"?

Wir stolperten bei den Alternativen, die es geben könnte, um die Welt besser zu machen, u.a. über das Thema „Food Coops“, im Deutschen häufig als "Lebensmittelgenossenschaft" oder mitunter auch „Verbrauchergemeinschaft“ bezeichnet. „Food Coops“ sind – mit meinen Worten erklärt – selbstorganisierte Lebensmitteleinkauf- und -verteil-Gruppen zur Unterstützung von primär regionalen Anbietern.

Es finden sich – in Dresden – meist 15-20 Personen zusammen, die einmal die Woche, Lebensmittel bei lokalen und regionalen Bauern bestellen. Das geschieht im Rotationsprinzip in Zweier-Teams, so dass alle 7-10 Wochen jede/r mal dran ist. Die Bauern geben ihre Ware etwas preiswerter ab und man unterstützt sich so gegenseitig.

... Zigaretten- und/oder Kaffeepause - auch für Leser/innen ;)

So weit, so gut. Ich erwähnte Adam gegenüber von meinen Erfahrungen und dass es nicht selten schwierig ist, Probleme zu klären und viele einfach nur "Dienst nach Vorschrift" machen.  So lange es reine ehrenamtliche Angelegenheiten sind – und ich rede dabei nicht von der wirklich erfolgreichen Dresdner Verbrauchergemeinschaft mit über 3000 Mitgliedern, sondern von meinen Erfahrungen in einer Neustädter Kleinst-VG –, schleifen häufig einige Dinge. Kommt überall vor, zumal es in den Kleinst-VGs keinen Chef gibt, sondern sog. Basisdemokratie herrscht ... was auch immer einige darunter verstehen mögen.

Spätestens wenn es jedoch um das Finanzielle geht, ist das weniger nett. Denn damit schadet man – im Falle von Fehlbeträgen – den regionalen Anbietern eher als sie zu unterstützen; sich selbst ebenso. Aus einem gegenseitigen Nutzen wird ein Ausnutzen, ganz gleich ob das nun beabsichtigt ist oder unbeabsichtigt.

Ich erwähnte Adam gegenüber einen Fall, bei dem sich über Jahre scheinbar dreistellige Fehlsummen in besagter Kleinst-VG angehäuft hatten. Als ich davon erfuhr, war ich gerade ein halbes Jahr dabei und offenbar stammte die Lücke aus der Zeit davor. Der zweite Vorteil, neben dem Vorteil des Unterstützen regionaler Anbieter, auch noch Geld sparen zu können, war somit äußerst zweifelhaft bis hinfällig. Freilich sollte Geld nicht im Vordergrund stehen, doch unwichtig wird es deshalb noch lange nicht.

Ich sagte zu Adam, dass ich doch nicht für Dinge nachträglich zahle, die vor meiner Zeit passiert sind. Und er: „Doch ... das ist Solidarität.“

Aha, selten so mit einem Auge gelacht ... dem anderen war wohl eher zum Heulen zumute. Mit derselben Begründung könnte ich zehn dreistellige Milliarden-Pakete an Banken und was weiß ich wen vergeben/verschenken ... ist ja auch Solidarität wahrscheinlich. Das fände der sog. Linke, der Pseudolinke, dann wahrscheinlich wiederum nicht okay, weil dann der „böse Kapitalist“ davon profitieren würde und nicht er selbst oder der „gute Antikapitalist“.

Ja, das „Age of Stupid“, das “Zeitalter der Dummen”, macht keine Unterschiede beim Umgang mit Geld, sondern fängt beim Geist an.

 

Und was hat das alles nun mit coloRadio zu tun?

Wenig und dennoch viel ... denn einiges läuft bei coloRadio genauso wie es damals in oben beschriebener Kleinst-VG lief. Naja, vielleicht liegt’s daran, dass sie im selben Gebäude sind ;)

Auch bei coloRadio bereich(t)ern sind einige auf Kosten anderer ... und wahrscheinlich ist das dann sozial und solidarisch. Wer’s nicht mit Geld tut bzw. kann, der macht es mit Sendeplätzen. Sendezeit ist die andere „harte Währung“ im Radio.

Jedenfalls hat mir das Gespräch mit Adam, bei dem die beiden Greenpeace-Vertretenden sicher mitunter schmunzelnde schweigende Beobachter waren, offenbar einige Inspirationen verschafft. Völlig unkapitalistische zudem ... eine neue Sendungsidee.

Doch dazu später mehr ... jedenfalls hat es mit Musik zu tun – welch Zufall im Radio ;)

Und da ich Adam für seine indirekte Ideengebung gern danken möchte, gibt’s etwas Musik an dieser Stelle ... aus Frankreich, von einer meiner, wenn nicht der Lieblingsinterpretin ... Zazie.

In diesem Sinne, dank nochmals an alle Beteiligten und bis demnächst ... der letzte Teil, Nr. 3, folgt demnächst.

Allen alles Gute, Micha.

 

 

Zazie „Adam et Yves“

 

 

 

Als „sozialisierter Ossi“ kommt man nicht umhin, die Zeitschrift „Das Magazin“ zu kennen. 1954 erstmals erschienen und von 1956 an unter der Regie von Hilde Eisler (bis 1979) geführt, brachte es nicht nur etwas Internationalität in den DDR-Alltag, was wohl auch auf Eislers Biographie zurückzuführen war, sondern auch immer etwas, das insbesondere Männer – einige Frauen sicher auch ;) – sehr freute: den Akt.

Und die Beschäftigung mit diesem Thema bzw. mit dem, was damit noch irgendwie zusammen hängt und hängen könnte, verschafft mir auch die Ehre, die Rubrik „Erotik & Sex“ in den Pirat-Micha-Blog einzuführen. Hat auch ganz pragmatische Gründe: da klicken NeubesucherInnen wahrscheinlich zuerst drauf ;)

Doch der Reihe nach ... hmm, stimmt nicht. Dieser Artikel ist alles andere als der Reihe nach geschrieben, sondern „völlig durcheinander“. Passiert mir sowieso bei den meisten Themen so, doch gerade wenn’s um den stärksten Naturtrieb des Menschen – nach oder vor dem Essen-„Müssen“? – geht, fällt jegliche Struktur sozusagen unter den Tisch; unter den Esstisch meinetwegen.

Zurück zum Magazin ...

 

1953/54 ... Playboy und Magazin

Aktfoto wurden bereits Mitte der 1950er Jahre abgebildet; Frauenakte. Wann der erste erschien, habe ich (noch) nicht herausgefunden. Jedenfalls erschien das erste „Magazin“ am 1.1.1954, einen Monat nachdem Hugh Hefner in en USA eine andere Zeitschrift herausgebracht hatte, den Playboy.


 

Titelbilder des ersten Playboy und ersten DDR-Magazin

 

Korrekterweise sollte man erwähnen, dass das "Magazin" schon seit 1924 existierte, auch mit Aktfotos, weiblichen und männlichen. Diesen Ursprung möchte ich nicht übergehen, doch da habe ich (noch) keine detaillierten Kenntnisse.

Also zurück in die 1950er Jahre ... Während das „Magazin“ in der SBZ erschien und somit im sozialistisch geprägten Teil der damaligen Welt – was auch immer man unter Sozialismus nun verstehen mag und vielmehr mochte –, kam der „Playboy“ in den USA auf den Markt, den kapitalistischen Markt. Das Titelbild des ersten Playboy war Marilyn Monroe zu sehen und Hefner sollte sich – angeblich oder wirklich – seine Grabstätte bereits gewählt, also konkret gekauft – haben ... neben dem Grab von Norma Jean, alias Marilyn Monroe. Hmm, ein amerikanischer Traum?

Naja, jedenfalls dürfte die Zielgruppe des Playboy von der ersten Ausgabe an klar gewesen sein – „Entertainment for Men“ stand da unter dem Schriftzug „Playboy“ zu lesen. Nach Deutschland hielt er ab 1972 Einzug; nicht nur in Spinde und Stuben, sondern wahrscheinlich auch in – man verzeih mir die Offenheit – Toiletten. Als ich irgendwann 2006 oder 2007 mal bei chinesischen Studenten zu Gast war, in einem der Studentenwohnheime Dresdens, war deren Bad mit schätzungsweise 10 Playmates der Monate ??? „tapeziert“. Keine Ahnung, ob es die Chinesinnen selbst waren, die da für die Dekoration gesorgt hatten oder ihre männlichen Kommilitonen ... jedenfalls sahen die Damen für mich irgendwie alle gleich aus. Was die „Frisur“ betrifft – wenn ihr versteht, was ich meine ;)

Anders das Magazin ... Aktfotos hatten keinen tendenziellen Softporn-Charakter, wie das beim Playboy vielleicht irgendwann mal geschah, sondern waren eher Kunstfotos oder einfach die Darstellung von Menschen, so wie Gott sie nun mal geschaffen hat ... auch wenn es in der DDR offiziell natürlich keinen Gott gab. Dafür gab es Karel Gott ... doch zudem später. Ja, ich weiß alle warten nur auf ihn :)

Verkürzt könnte man es vielleicht so formulieren: der "Playboy" stand für Sex und die Schrift war Beiwerk zum Bild, während das Magazin eher für Erotik stand, wobei selbige zum Lesen anregen sollte/konnte/durfte.

So sah auf jedenfalls eine Aktfoto im Magazin, wahrscheinlich der 1970er Jahre, aus ...

 


Fotographie: Klaus Ender

 

Die Magazin-Sexualisierung

Nicht verschweigen sollte ich wohl, dass es durchaus das Magazin gewesen sein könnte, das erheblich zu meiner eigenen Sexualisierung beigetragen hat. Irgendwann hatte ich die Schublade in der heimischen Stube  entdeckt, in der die Magazin-Hefte „versteckt“ bzw. schlichterweise aufbewahrt worden waren.  Wenn keiner da war, habe ich mir die dann angeschaut ... vermutlich. Und ja, ich kann mich an keine Textzeile mehr erinnern, sehr wohl jedoch an einige Aktfotos ... keine Ahnung, wie das zusammenhängt ;) ... Also, Lesen konnte ich ja dann so ab dem 8./9. Lebensjahr, daran kann’s also nicht unbedingt gelegen haben.

Jedenfalls habe ich dann irgendwann auch mal damit angefangen, Aktfotos abzumalen ... mit Bleistift und Radiergummi. Kürzlich – nach 20 Jahren ? – fand ich sogar eine „Kopie“ auf Millimeterpapier, vermutlich hatte die Qualität des Abmalens zu wünschen übrig gelassen und ich wollte die Rundungen möglichst genau hinbekommen. War natürlich – rückblickend betrachtet – keine allzu clevere Idee, denn Millimeterpapier hat nun mal quadratische Rasterstruktur. Ja, das war dann vermutlich die Quadratur des runden Kreises mittels Aktzeichnung. Dass ich daran scheitern musste wie Hunderte Mathematiker vor mir, wusste ich natürlich nicht. Doch vielleicht hat mich die Suche danach, mein Interesse für Mathematik beeinflusst.

Vermutlich war es jedoch auch etwas viel Simpleres ... die Aktfotografien im Magazin haben mich wahrscheinlich ungefähr erahnen lassen bzw. erahnen lassen wollen, wie Ornella Muti oder Romina Power „sonst so“ oder „noch so“ aussehen könnten. Italienische Frauen waren irgendwie exotisch, auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass Romina Power gar keine „richtige“ Italienerin war. War mir vielleicht auch egal, sie sah aus wie Schneewittchen ... das reichte mir für die Mystik.

 


Ornella Muti, Romina Power (& Al Bano)

von Schneewittchen finde ich grad kein passendes Bild

 

Wenn ich jetzt so überlege, wer das Magazin in unsere Familie gebracht hatte, vermute ich fast, dass es mein Großvater war – indirekt. Mindestens zwei Hobbys habe ich übrigens von ihm „geerbt“, das Malen und das Rauchen. Er hat beides auch intensiver als ich betrieben.

Und er zog als Mann um die 30 von Chemnitz (bzw. Karl-Marx-Stadt) nach Dresden; ich war 19 als ich selbiges tat. Heute wohne ich keine 200 Meter von dem Haus entfernt, in dem seine zweite Frau einst wohnte. Ich vermute jedenfalls ganz stark, dass er der erste Magazin-Leser war und dann das Magazin – einmal abonniert und als heißbegehrt in der DDR-Gesellschaft (an)erkannt – einfach die Jahre weiterlief. Für ne Ostmark pro Monat gab’s da jede Menge Qualität und Quantität.

Hmm, vielleicht war also mein Opa der weitsichtige Organisator meiner kindlichen Sexualisierung. Wie wäre es wohl gewesen, wenn ich mit 14 mittels bei der ersten Westreise im November 1989 frisch erworbenen Porno-Heften einiger meiner Mitschüler erstmals das Thema Sex(ualität) „beackert“ hätte? Klar war die Schulbank des stolzen Heftbesitzers in der Frühstückspause umpulkt, doch irgendwie war eben das Magazin doch etwas anderes – auch wenn ich das damals angesichts der klaren Bildsprache der Porno-Hochglanzhefte etwas anders gesehen haben mochte.

Eigentlich hat das Magazin vielleicht auch eher eine Erotisierung bewirkt, auch wenn ich mit dem Wort Erotik damals wahrscheinlich rein gar nicht anfangen konnte.

Hmm, ich drifte wieder ab … doch jetzt kommt er wirklich, der Gott. Karel Gott.

 

Was hat nun Karel Gott mit dem Magazin zu tun?

Ich holte mir jedenfalls kürzlich über eBay ein Magazin-Heft, und zwar das vom Juni 1975, dem Monat, in dem ich geboren wurde. Genau das wollte ich haben und weil’s derselbe Anbieter war, habe ich gleich noch eins von 1957 und eins von 1962 mitgekauft bzw. ersteigert. Für’n Euro pro Heft plus Versand war’s vier Tage später bei mir.

Ab Seite 3 begannen die Leserbriefe unter der Rubrik „Sie an uns“ – so auch in meinem Geburtsmonat-Heft. Ich las mir die Leserbriefe durch und bei einem hat es mich sozusagen „fast weggehauen“. Wenn ich nicht schon halb im Liegen gesessen hätte, wäre ich wohl auf den Boden gefallen und hätte mich vor Lachen gerollt. Hab ich jedoch nicht … war auch eigentlich gar nicht sooo witzig. Hmm, eigentlich schon, zumindest beim ersten Lesen. Ich schreibe den Leserbrief-Text einfach mal ab ...

 

Niemals!

Hanne-Lore B., Greifswald:

Soeben erhielt ich das Magazin, Heft 4, und habe wie immer, zuerst „Sie an uns“ gelesen. Ich bin entsetzt, was B. Pester aus Karl-Marx-Stadt, im Namen ihrer Brigade geschrieben hat. Gegen die Veröffentlichung unbekannter nackter Männer habe ich gar nicht; aber, bitte, niemals Schauspieler und Sänger so bringen. Ich hätte vor denen keine Achtung mehr. Auch ich habe einen Lieblingssänger, und zwar Karel Gott. Ich schwöre Ihnen, ließe der sich nackt fotografieren, dann drehte ich den Gashahn auf. Ich hoffe sehr, daß weder das Magazin noch Sänger oder Schauspieler sich jemals dazu herablassen. Bitte, bitte, nicht, niemals! Und bitte nicht böse sein.

 

Die nächsten Tage kam mir dieser Leserbrief immer mal wieder in den Sinn und naja, es war der Monat, in dem ich auf die Welt gekommen bin. Während ich gerade das Licht der Welt erblickte, las jemand anderes wahrscheinlich diesen Leserbrief und nickte zustimmend, oder hatte nichts für Karel Gott übrig oder wollte gerade ihn mal nackt sehen.

Sei’s drum ... wenn ich das April-1975-Heft auftreiben kann, dann schau ich mal, was B. Pester im Namen ihrer Karl-Marx-Städter Brigade so geschrieben hatte :)

Zurück zum Akt ... so sah auf jeden Fall ein wahrscheinlich unbekannter  Männerakt aus ...

Und wie auf einer Internetseite des Magazin nachzulesen ist, ist der Männerakt Mitte der 1970er Jahre gar nicht so neu gewesen:

„Aufsehen erregte im UNO-Jahr der Frau 1975 ein Männerakt. Die Veröffentlichung, lange von den Leserinnen gefordert, brachte eine Flut von Leserbriefen. Für "Das Magazin" aber nichts Neues: schon in den Goldenen Zwanzigern zeigte es nackte Männerhaut.“

Zurück zu Karel Gott ... Er hat sich wahrscheinlich nie nackt ablichten lassen. Frau B. hat also ihren angedrohten Selbstmord nicht wahr machen müssen und ihre Welt war zumindest in dieser Hinsicht wieder in Ordnung.

Interessant war für mich, dass 20 schmale Zeilen in einem Magazin-Heft nahezu „ganze“ Gesellschaftsbilder enthalten können bzw. erahnen lassen Was Frau B. jedoch dazu bewog, über das Stichwort „Männerakt“ zu „Karel Gott“ und einem angedrohten „Gassuizid“ zu gelangen, um hinterher darum zu bitten, nicht böse mit ihr zu sein, kann wahrscheinlich wirklich nur Gott beantworten. Doch da es den in der DDR nicht gab, gibt’s wahrscheinlich auch die DDR nicht mehr ;)

In diesem Sinne ... jeder/m, die/der sich mit einem etwas anderen der DDR-Sozialisierung beschäftigen möchte, kann ich „Das Magazin“ nur empfehlen – ihr wisst ja, im Zweifelsfall einfach mal bei eBay schauen ...

Alles Gute, Micha.

 

PS: Achja, und nachträgliche Grüße an die Magazin-Redaktion und Karel Gott ... ihr habt eine Frau vor der Selbsttötung bewahrt :)

PS2: ... so sah übrigens Karel Gott „damals“ aus ... angezogen, versteht sich.

 

 


Gestern habe ich mir im Dresdens kleinstem Kino, dem Casablanca, den Film „The Age of Stupid – warum wir nichts tun?“ angeschaut. Ich bin
offen gestanden kein großer Freund von Endzeit- & Apokalypsen-Szenarien (Filmliste bei Wikipedia), habe sowohl Emmerichs „The Day After Tomorrow“ und „2012“ als auch Al Gores „Die unbequeme Wahrheit“ nur als Poster wahrgenommen. So wichtig Fakten für die eigene Entscheidungsfindung auch sein mögen, es kommt auch darauf an, wie man die Fakten präsentiert. Wenn als „main message“ letztlich rauskommt, dass das alles doch eh keinen Sinn hat, dann brauche ich mir solche Filme nicht anschauen. Zumal solche Dokus oder Filme im Dokustil meist ziemlich humorlos sind ... im Kino möchte ich auch unterhalten werden, wenn’s um’s Frusten geht, dann brauch ich dafür kein Geld bezahlen, sondern suche mir einen Fernseher ... ist billiger und geht schneller.

 

 

Hingegangen bin ich eigentlich nur, weil nach dem Film eine Diskussion mit Vertretern von Greenpeace (Dresden) angekündigt war. Zum einem war ich an den Meinungen der Zuschauer interessiert, zum anderen an den Mitgliedern von GreenPeace ... ma’ gucken, wie die so drauf sind, sozusagen.

Witzigerweise haben Greenpeace vor zwei, drei Jahren einen 3-Minuten-Werbespot gedreht, der für mich „The Age of Stupid“ in Kurzform ist. Aussage: die Menschen sind dumm ... und lernen’s auch nicht, also Planet Erde von der Liste streichen. „The Age of Stupid“ unterlegt die Aussagen noch ein bisschen, zeigt mehr Bilder und kommt auf fast 90 Minuten.

 

 

Filme, die „nach hinten losgehen“ (können)

Die Kritik wird in meinen Augen zum Bumerang. Weltuntergangsszenarien mit Faktenhäufung haben eine Wirkung zynische Witze. Sie befriedigen die Macher und Produzenten, doch hinterlassen einen seltsamen Beigeschmack beim Kunden. Denn was ist die Folgen? Menschen, die wirklich etwas verändern wollen, werden (noch mehr) gefrustet. All jene, die es sowieso nicht interessiert, schauen sich solche Filme gar nicht erst an oder begnügen sich mit einem „hat doch eh keinen Sinn“.

Insofern kann die Frage nach dem Filmtitel von „The Age of Stupid“, warum wir nichts tun würden, auch damit beantwortet werden, dass RegisseurInnen solche Filmen konzipieren. Schade um die Arbeit und die Zeit ... vom Geld rede ich mal gar nicht.

Ein Kritiker auf www.critic.de schließt eine Besprechung des Films mit folgenden Sätzen ab:

The Age of Stupid hingegen will vor allem eins: von der guten Sache überzeugen, vom Verweis auf die unabhängige Produktion des Films bis hin zur Kalkulation der eigenen CO2-Bilanz im Abspann. Dass das Nischengenre des Umweltdokumentarfilms über die beschriebene Bühnenrhetorik hinausgehen kann, zeigt etwa Jorge Furtados Kurzfilm Insel der Blumen (Ilha das Flores, 1989). Das Thema Umweltverschmutzung und eine mehrschichtige Erzählung zwischen Argumentation, Polemik und Ironie müssen sich nicht ausschließen. The Age of Stupid offenbart hingegen die Schwäche, gleichzeitig engagiert, aber dennoch kraftlos zu sein: Mit erhobenem Zeigefinger erklärt er ein dringliches Thema und tappt dadurch in die Falle, durch überzogene Pädagogik zu enttäuschen.“

Und ich würde sogar noch weiter gehen ... The Age of Stupid enttäuscht nur jene, die etwas erwartet haben. Darüber hinaus geht er in seiner Wirkung völlig nach hinten los. Ich würde fast behaupten, dass man ohne diesen Film leichter den Ernst der (Welt-)Lage erkennen lernt. Das simple Bauchgefühl sagt einem das ... und wer soviel Bauchgefühl nicht hat oder mehr im Kopf lebt, der wird einer der letzten sein, den dieser Film zu Veränderungen bringt.

Für mich bewegt sich die Grundstimmung des Films zwischen einer seltsamen Spielform des Fatalismus und einer missverstandenen Interpretation des Nihilismus. Regisseurin Franny Armstrong sieht das sicher anders, eventuell sogar „positiver“  ;)

 

Mehr Lust statt mehr Frust

Filme dieser Art sollten ein offenes Ende haben, möglichst auch Alternativen aufzeigen und schon gar nicht mit dem Zeigerfinger kommen. Naja, sei’s drum ... vielleicht lag’s daran, dass Regisseurin Franny Armstrong ihre Abschlussarbeit in Zoologie zum Thema „Is the human species suicidal?“, also „Ist die menschliche Spezies selbstmörderisch?“ geschrieben hat. Und „The Age of Stupid“ beantwortet diese Frage ja in Filmform mit „Ja“. Naja, vielleicht ist sie ja eine Anhängerin von Siggi Freud’s „Todestrieb“-Theorie? Keine Ahnung, nicht Genaues weiß man bekanntlich nicht.

Jedenfalls lese ich lieber ein Sachbuch oder informiere mich über bessere Filme, wenn ich wirklich etwas Bildung bezüglich nachhaltiger Entwicklung möchte. Was die Recherche und die Wissensvermittlung anbetrifft, so fand ich „The End of Suburbia“ gut, ebenso „Plastic Planet“, auch wenn meiner Meinung nach letzterer Film ab und an etwas in diese schon erwähnte lähmende „alles-ganz-schlimm-hat-doch-eh-keinen-Sinn“-Stimmung abrutscht. „Neuland“ von Holger Lauinger und Daniel Kunle fand ich sehr gut. „We Feed the World“ und „Let’s Make Money“ von Erwin Wagenhofer oder die 146-Minuten-Doku „The Corporation“ sind ebenso sehenswert, wenngleich sie mitunter etwas erschlagend wirken mögen. Insofern, die DVD ausleihen und ab und zu mal Pause machen, kann eine gute Alternative sein.

„Neuland“ ist vielleicht insofern hervorzuheben, da es sich mehr um den Teil „Was tun?“, sprich konkreten Alternativen, beschäftigt und das empfinde ich als wichtigsten Teil der Sache. Dass es nicht sonderlich gut um die Welt steht, brauche ich niemanden (mehr) erzählen, auch wenn „Neuland“ diesen Teil nicht vollkommen ausblendet. Einen kurzen Überblick gibt eine Rezension in der „Die Zeit“ aus dem Herbst 2007.

 

 

 

Diskussion mit „grün-friedlichen“ Menschen und "Adam" von coloRadio

Im Anschluss an den „Age of ...“-Film entspann sich eine doch recht intensive Diskussion mit den drei VertreterInnen von Greenpeace. Die medial bekannte Organisation zählt zu den Hauptunterstützern des Films. Da das Interesse der anderen Kinobesucher offenbar mehr dem Film selbst galt – im Gegensatz zu mir, der mehr an den Diskussionen interessiert war –, wurde aus der Diskussion schnell ein kleiner Gesprächskreis. Nach 15 Minuten Dialog (okay, 10 Minuten waren wohl "Monolog Winkler", in dem ich meine o.g. Bedenken zum Film äußerte :)), verließ auch der zweite noch in den Reihen sitzende Zuschauer die Diskussion ... Asche auf mein Haupt, mitunter übersehe ich das etwas und seitens der Greenpeace-Leute wurde es auch nicht wirklich registriert. Zudem hatte der dann gehende Gast auch keinerlei Anzeichen (Fingerheben, Räuspern etc.) gemacht, etwas sagen oder fragen zu wollen ... dennoch bin ich mir bewusst, dass man etwas mehr Augenmerk auf seine Mitmenschen legen kann :)

Am Tresen außerhalb des 50-Personen-Kinosaals stand eine Person, die ich schon ein paar Jahre kenne und welche u.a. sehr aktiv in der Anti-Atom-Bewegung ist. Ich nenne ihn jetzt einfach mal Adam, weil ich seinen richtigen Namen zwar kenne, doch der nicht unbedingt etwas zur Sache tut. Und da er haar- und bartmäßig so aussieht wie der Adam von der Eva mal ausgesehen haben könnte, nenne ich ihn eben mal Adam. Hmm, inwieweit er wirklich in der AA-Bewegung aktiv ist, weiß ich nicht genau, jedenfalls ist er sehr präsent.

Ich bin nach einer kurzen Zigarettenpause (selbstgedreht, ohne Filter, zusatzstofffrei ;)) dann wieder ins Kino, wo sich zwei der Greenpeace-VertreterInnen bereits mit Adam im Gespräch befanden. Das Wort „Kapitalismus“ fiel ... und „System“ ... ich hatte es vielleicht nicht geahnt, doch verwundern tat es mich auch nicht, hatte ich doch mit Adam und seinen coloRadio-Freunden (oder Bekannten) schon häufiger über den Kapitalismus gesprochen bzw. darüber wie man was tun könnte oder besser lassen sollte.

 

Ja, das kann man auch als Werbung verstehen :) ...
vorwiegend rauche ich diese "fatalen Lungenkrebs verursachende", tötende Sache

Übrigens: wer nicht raucht, tut auch gut daran :)

 

Während Adam das kapitalistische System anprangerte – im Gegensatz zu vielen anderen – ansatzweise lächelnd und entspannt, neigte die junge Greenpeace-Dame zu Statements wie „Wir leben nun mal alle in einem kapitalistischen System.“

Beide hatten ja inhaltlich irgendwie recht, fand ich, doch die Diskussion war eher ein Meinungsvorstellen statt ein Meinungsaustausch. Und dann passierte das „Unvermeidliche“ – ich konnte wieder mal nicht an mich halten, alte Schwäche von mir ;) ... Kurzum es rutschte mir wieder mal einer raus, einer dieser typischen Winkler-Sätze. Okay, es waren zwei ... zur Erklärung: ein "Winkler-Satz" ist nüchtern und versuchsweise liebevoll gemeint, wird jedoch sehr häufig völlig missverstanden :)

Ich sagte sinngemäß, dass jeder von uns ein Kapitalist sei, jeder hätte kapitalistische Anteile in sich drin, schließlich sind wir alle so aufgewachsen und erzogen worden. Die GreenPeace-Leute zeigten sich etwas nachdenklich, coloRadio-Adam wies es natürlich sofort weit von sich ... ein Kapitalismusgegner ist natürlich vollkommen frei von kapitalistischen Zügen ;)

Dumm nur das Gott oder die Göttin den Kapitalismusgegner nun ausgerechnet in eine kapitalistische Welt gesetzt hat. Weil das völlig schräg ist, sind die meisten Kapitalismusgegner dann wahrscheinlich auch sog. „links“ und halten Gott ausschließlich für eine Erfindung des Menschen, als „Opium für’s Volk“ wie es Marx wohl nennen würde (hoppla, hoppla ... "Opium des Volkes" hieß es bei Marx). Dabei setzen sie Gott immer nur mit Kirche und Theologie gleich – was man freilich machen kann, doch nicht viel nützt ... naja, vielleicht ist’s ja wirklich ein „Age of Stupid“ :)

So weit, so gut ... wie die Sache im Kino „Casablanca“ weiterging und was ich persönlich daraus für Schlüsse gezogen habe, kommt bei einem der nächsten Male ... lang genug dieser Beitrag, vermute ich :)

Insofern ... eine angenehme Zeit, Micha.

 

 

In der letzten Woche stolperte ich im Internet über ein mir bereits seit ein paar Jahren bekanntes Zitat von Hermann Göring mit folgendem Wortlaut:

"Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg […] Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik  bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. […] Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land."

Das Zitat, hier in etwas gekürzter Form, stammt dem „Nürnberger Tagebuch“ von Gustave M. Gilbert und enthält „Gespräche der Angeklagten mit dem Gerichtspsychologen“. Ich schaute im Internet nach einer preiswerten Version und wurde bei eBay fündig ...

 

 

Nun habe ich seit Mitte der 1980er Jahre einige Stunden Geschichtsunterricht mit dem Dritten Reich verbracht, danach diverse Filme, Sendungen, Videos gesehen und gehört, mehrere Guido-Knopp-Sendungen nicht gesehen oder bewusst abgeschalten, doch so richtig schlau wurde ich nicht, was in den Köpfen der und des Führers abging. Wie war es möglich das „Land der Dichter und Denker“ in einen „Staat der Richter und Henker“ zu verwandeln?

Kurzum, Gilberts Buch gibt interessante Einblicke, schonungslos und zum Teil auch sehr kurzweilig ... bei aller Tragik und Leid, irrationaler Menschenverachtung und -vernichtung, die die Zeit 1933-45 mit sich gebracht hatte. Gilberts Buch kann ich nicht nur empfehlen, sondern möchte es fast schon jedem/jeder ans Herz legen, der/die mehr verstehen möchte, was damals passierte und wie es passieren konnte ... auf dass es nicht wieder passieren solle.

Wen das Buch interessiert, der schaue einfach mal bei eBay oder bei anderen Anbietern. Ich hab’s für 1 Euro, plus 1,50 Euro Versand bekommen. Aufarbeitung muss nicht teuer sein ... auch wenn sie keinesfalls „fast umsonst“ ist. Ganz  und gar nicht ...

Zur Einführung möchte ich die Seiten 10 bis 13 vollständig zitieren. Sie enthält die Reaktion der Angeklagten auf die Anklage. Gilbert hatte die NS-„Größen“ gebeten, die Anklage spontan und handschriftlich mit einem Kommentar zu versehen.  Es fehlten Admiral (Erich) Raeders, der dies ablehnte, sowie der Führer der DAF, der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, der zuvor seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte.

Bevor nun die Äußerungen der Personen folgen, verabschiede ich mich schon mal und wünsche angenehmen, wenn auch mitunter nicht einfachen und aufwühlenden Erkenntnisgewinn ... es ist und bleibt ein Teil der deutschen Geschichte.

Micha.

 

(vordere Reihe, v.l.n.r.):
Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel

(dahinter, v.l.n.r.):
Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel

Quelle: Wikipedia

 

Ihre Reaktion auf die Anklage

aus G.M. Gilbert „Nürnberger Tagebuch“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1962, S. 10-13 (das Original stammt aus dem Jahr 1947)

 

Hermann Göring, Reichsmarschall und Reichsluftfahrtminister, Reichstagspräsident, Beauftragter für den Vierjahresplan usw., schrieb seine bevorzugte zynische These: »Der Sieger wird immer der Richter und der Besiegte stets der Angeklagte sein!«

Joachim von Ribbentrop, Reichsaußenminister, stellte die ausweichende Behauptung auf: »Die Anklage ist gegen die verkehrten Personen gerichtet.« Er wollte hinzufügen: »Wir standen alle in Hitlers Schatten«, aber enthielt sich ängstlich, es schriftlich festzuhalten.

Rudolf Hess, der sich seit seiner Ankunft in England in einem Zustand völligen Gedächtnisschwunds befunden hatte, konnte nur schreiben: »I can’t remember.«

Ernst Kaltenbrunner, Leiter von Himmlers Reichssicherheitshauptamt (Gestapo und SD), beteuerte seien formale Unschuld: »Ich fühle mich keiner Kriegsverbrechen schuldig, ich habe nur meine Pflicht als ein Abwehrorgan getan, und ich weigere mich, als Ersatz für Himmler zu dienen.«

Alfred Rosenberg, führender Nazi-Philosoph und Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, erklärte ebenfalls seine unschuldigen Absichten: »Ich muß eine Anklage auf >Verschwörung< zurückweisen. Die antisemitische Bewegung war nur eine Schutzmaßnahme.«

Hans Frank, Hitlers Anwalt und späterer Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete, dokumentiert seinen vor kurzem erfolgten religiösen Übertritt: »ich betrachte diesen Prozess als ein gottgewolltes Weltgericht, das bestimmt ist, die schreckliche Leidenszeit unter Adolf Hitler zu untersuchen und zu beenden.«

Wilhelm Frick, Reichsinnenminister, äußerte juristisch und spitzfindig: »Die gesamte Anklage beruht auf der Annahme einer fingierten Verschwörung.«

Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz innerhalb des Vierjahresplans, hatte Schwierigkeiten, die Anklage mit seiner Liebe zu den Arbeitern in Einklang zu bringen: »Die Kluft zwischen dem Ideal einer sozialistischen Gesellschaft, das mir vorschwebte und als früherer Seemann und Arbeiter verteidigte, und den schrecklichen Geschehnissen in den Konzentrationslagern hat mich tief erschüttert.«

Albert Speer, Reichsminister für Bewaffnung und Munition, gab unumwunden die Schuld des Nazi-Regimes zu: »Der Prozeß ist notwendig. Eine Mitverantwortlichkeit für solch grauenvolle Verbrechen gibt es sogar in einem autoritären Staat.«

Hjalmar Schacht, Präsident der Deutschen Reichsbank und Reichswirtschaftsminister vor dem Kriege, erklärte: »Ich verstehe überhaupt nicht, warum ich angeklagt worden bin.«

Walter Funk, Schachts Nachfolger als Reichswirtschaftsminister, war etwas wortreicher und gefühlsbetonter in den Beteuerungen seiner Unschuld: »Nie in meinem Leben habe ich bewusst etwas getan, was zu einer derartigen Anklage berechtigen könnte. Wenn ich mich durch Irrtum oder Unwissenheit jener Taten schuldig gemacht habe, die in der Anklageschrift stehen, dann ist meine Schuld eine menschliche Tragödie und kein Verbrechen.«

Franz von Papen, Reichskanzler vor Hitler und Botschafter in Österreich und der Türkei während der Hitlerzeit, war sogar noch beredter, sich gegen die Nazischuld abzuschirmen: »Die Anklageschrift hat mich entsetzt, erstens wegen der Verantwortungslosigkeit, mit der Deutschland in diesen Krieg und diese Katastrophe gestürzt wurde, und zweitens wegen der Anhäufung von Verbrechen, die einige meiner Landsleute begangen haben. Das letztere ist psychologisch unerklärlich. Ich glaube, dass Gottlosigkeit und die Jahre des Totalitarismus die Hauptschuld daran tragen. Durch diese wurde Hitler im Laufe der Jahre  zu einem pathologischen Lügner.«

Freiherr von Neurath, Reichsaußenminister in den ersten Jahren der Nazizeit und später Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, griff einen Punkt der nazistischen Gesetzlosigkeit heraus: »Ich war immer gegen Bestrafung ohne Möglichkeit einer Verteidigung.«

Baldur von Schirach, Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien, kam zu einem späten, aber aufrichtigen Erwachen: »Das ganze Unglück kam von der Rassenpolitik.«

Arthur Seyss-Inquart, Bundeskanzler von Österreich und später Reichskommissar für die besetzten Niederlande, machte sich nicht die Mühe, seine Unschuld zu beteuern, sondern schrieb mit kühlem Fatalismus: »Letzter Akt der Tragödie des zweiten Weltkrieges, hoffe ich.«

Julius Streicher, Nazi-Deutschlands Hauptjudenschlächter als Hauptschriftleiter der Zeitschrift Der Stürmer und Gauleiter Frankens, offenbarte seine Besessenheit sogar im Hinblick auf den Prozeß: »Dieser Prozeß ist ein Triumph des Weltjudentums.«

Feldmarschall [Wilhelm] Keitel, Chef des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht, gab die von einem preußischen Offizier zu erwartende Antwort: »Für einen Soldaten sind Befehle Befehle.«

General [Alfred] Jodl, Chef der Operationsabteilung des OKW, betrachtet die Anklageschrift mit gemischten Gefühlen: »Ich bedaure die Mischung gerechtfertigter Anklagen und politischer Propaganda.«

Grossadmiral [Karl] Dönitz, Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine und Hitlers Nachfolger nach dessen Selbstmord, versuchte das ganze abzutun, als beträfe es ihn gar nicht: »Keiner dieser Anklagepunkte betrifft mich im geringsten. – Eine amerikanische Marotte.«

Anm. M.W.: Ich fragte mich, ob die Aussage von Dönitz' nicht nahe einer „doppelten Verneinung“ gleichkommt und auch als „alle dieser Punkte treffen mich im größten“ verstanden werden kann ... ich bin allerdings kein ausgebildeter Aussagendeuter ;)

Hans Fritsche, Chef des Rundfunksystems und der Presseabteilung in Goebbels’ Reichministerium für Propaganda, fühlte sich verpflichtet, für das deutsche Volk zu sprechen: »Es ist die schrecklichste Anklage aller Zeiten. Nur eines wird noch schrecklicher: die Anklage, die das deutsche Volk für den Missbrauch seines Idealismus erheben wird.«

 

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